Meine literarischen Entdeckungen.
Das Morgengrauen der violetten Stunde: drei Generationen, drei Ramonas, die Stadt Barcelona als heimlicher Star. Ein Gespräch mit den Toten, hypnotischer Realismus und Theaterbühne. Der Urwald wird zu einem ungeheuren grünen Bergwerk: Nichts ist, was es vorgibt. Der Horror liegt ausserhalb der Sprache. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser steckt. Eine Sorte unverbindlicher Rührung, wie ein ungeschliffener Reflex bei Begräbnissen und Verzeihungs- und Wiedersehensszenen im Kino. Das Leben eines Helden ist abgeschlossen, wie bei einer zu Glas gewordenen Seifenblase. Ein Mann springt in die Leere. Eine Frau springt ins Leere. Der Sprung ins Volle und ein engelsgleicher Sumoringer.

Der Tod und der Frühling
Mercè Rodoreda, Spanien (1986, La mort i la primavera), 1999/2020 Deutsch Angelika Maass, 199 S.
Ein Meisterwerk. Besonders und verblüffend. Es ist wie eine Traumstruktur, erzählt aus dem Vor- und Unbewussten heraus und kommt ohne Momente des Realismus oder historischer Geschichte aus. Die Bilder und Landschaft: traumhaft traumatisch. Alles ist in einer völligen Offenheit wie es nur Kinder kennen und erzeugt eine unerträgliche Nähe. Schönstes wird neben Schrecklichstes gesetzt, in einer Welt, die keine Moral kennt und in der das Unbewusste schreibt. Archaische und mythische Bilder, voller Symbolik. Eine genaue Sprache. Geschrieben in einer Schönheit, die eine unglaubliche Atmosphäre und einen Sog aufbaut. Die Dichterin schreibt eingangs: «Das Geheimnis dieser Last, die ich in mir trage und die mich nicht atmen lässt.» So beklemmend wie das Motto ist die Leseerfahrung.
Der Held und Ich-Erzähler ist ein Junge. Es geht um eine Dorfgemeinschaft. Jedes Jahr im Frühling werden die Häuser in Rosarot neu gestrichen. Dazu steigen die Bewohner in einen Berg hinein und gelangen durch einen Schacht in eine Höhle – «rot und feucht wie der Mund eines Kranken» – um den rosaroten Staub zu holen. Jedes Jahr gibt es ein Ritual. Ein junger Mann muss im Fluss unter dem Dorf durchtauchen um zu sehen, ob das Dorf noch nicht unterspült ist und immer noch auf festem Fundament steht. Es ist wie ein Opferritual. Auf dem Berg steht das Haus des Herrn. Er schaut auf das Dorf hinunter. Die Felswand ist von Efeu umrankt, der jedes Jahr abstirbt. Die trockenen Efeublätter sind das Einzige, was der Herr den Dorfbewohnern gibt – und Kinder, als er jung war. Des Nachts hören die Bewohner das Stöhnen des Flusses unter den Betten, so als ob alles mit dem Wasser auf und davon geht. Tote werden in Bäume hineingepresst. Kurz bevor die Sterbenden ihre Seele aushauchen, werden sie vom Zementmann mit rosarotem Zement gefüllt um zu verhindern, dass ihre Seele heraustritt. Es gibt einen Wald der Toten, der Schmid herrscht darüber. Für jeden Bewohner gibt es einen Baum. Eines Tages schänden der Held und seine 16-jährige Stiefmutter den Totenwald. Sie hacken Bäume auf und spielen mit den Knochen der Toten, die ein hübsches Geräusch erzeugen. Die Stiefmutter zwingt den Helden, das Grab seines kürzlich verstorbenen Vaters aufzuhacken. Erst will er nicht. Dann bricht er es auf. Die Beschreibung über zwei Seiten ist an albtraumhaften Bildern kaum zu überbieten. Am Ende träumt der Held, dass sein Vater ihn mit seinem Atem verbrennt. Es gibt einen merkwürdigen Gefangenen, der in einem körpergrossen grässlichen Käfig kauert. Er scheint der aufgeklärteste Mensch zu sein und wird von den Dorfbewohnern entmenschlicht. Er wiehert wie ein Pferd. Die Entmenschlichung bedeutet für ihn Freiheit. Nach dem Tod des Vaters heiratet der Held die Stiefmutter und hat ein Kind mit ihr. Als Junge tut der Held alles, um nicht auf die gleiche Schiene wie der Vater zu kommen. Er wird jedoch selbst getäuscht, von Lügen, Ideologien, Mythen und gerät in die Welt aus Tod und Abtötung jeder Lebenslust hinein. Er wird wie sein Vater, wird Täter und stirbt wie der Vater. Das Dorf ist von Angst beherrscht. Angst vor dem Leben, der Begierde, der Freiheit.
Das Geheimnis dieses radikal schönen Buches: Es ist gegen den Tod und für das Leben.

Die Holländerinnen
Dorothee Elmiger, Schweiz, 2025, 160 Seiten
Ein Anruf erreicht eine namenlose Autorin im Auto sitzend und fahrend. Ein namenloser Theater-regisseur im Format eines Milo Rau oder Werner Herzog erzählt von seinem neuesten Theaterprojekt. Es soll um das Echte in der Kunst gehen. Er will einen wahren Fall rekonstruieren, das mysteriöse Verschwinden und Sterben von zwei Holländerinnen tief in den Tropen im Urwald von Panama. Er will sie dafür gewinnen und sie soll alle Ereignisse protokollieren. Bald bricht sie auf, froh darum, ein gescheitertes Buchprojekt wegzulegen. Die Expedition beginnt. Wir stürzen «klaftertief» in einen literarisch erlebbaren Horror der existenziellen Überforderung und der Grenzerfahrungen. In den Nächten spitzt sich alles zu. Der Urwald bewegt sich, dröhnt, berührt und lebt faszinierend umheimlich. Tiefer Schlaf unmöglich. In dieser Wirklichkeit von tropischem Regen und Hitze begibt sich die Theatergruppe aus Laien und Expert:innen eines Tages mit dem Regisseur auf die Spur der Holländerinnen und wandert Tag und Nacht. Mitten im Urwald, die Pfade verlieren sich, niemand kennt sich aus. Leben oder Sterben? Diese Frage stellen sich alle irgendwann, vollkommen erschöpft und orientierungslos. Persönliche Geschichten über das Scheitern werden erzählt, um die beklemmende Angst in der gellenden Schönheit des Urwaldes zu überbrücken. Eine angehende Agronomin schildert naturalistisch, wie sie einen Geissen-Bauernhof für zwei Wochen stellvertretend führt. Keine grosse Sache. Doch nachts beginnen die Schreie der Tiere, sie gebären am Lauf-meter. Kitze sterben fortwährend. Es sind 1000 Tiere. Aufgrund dieser Geschichte wurde sie fürs Theater engagiert. Der Kameramann beobachtet Wildpferde in der Wildnis, diese werden durch Heli-kopter zusammengetrieben, in Flugzeugcontainer verladen und von Pferdeflüsterern auf einem andern Kontinent für Auftraggeber domestiziert und gebrochen. Schönheit und Gewalt. Parallelgeschichten des Theaterstücks entwickeln sich und sind Brandbeschleuniger unseres inneren Films. Existenzielle Grenzerfahrungen mit fast traumatisierendem Horror in der wunderschönen Üppigkeit. Kein Horror wie wir ihn der Gewalt zuordnen. Vielmehr ein allesbeherrschendes Scheitern, das einen Horror der Überforderung erzeugt. Eine Grenzerfahrung, umittelbar entscheidend für das Überleben.
Was sich im Urwald abspielt, wie sie buchstäblich «versumpfen», erzählt die Autorin in ihren Poetikvorlesungen hyperrealistisch. Die Protokolle des Erlebten kommen vom Theaterregisseur nicht zum Einsatz und werden zum Buchprojekt der Autorin.
Literarisch radikal. Ein gewaltiges Theaterstück, gemacht aus Erlebnis-Fragmenten, dokumentarischen Fakten und persönlichen Geschichten der Grenzerfahrungen. Keine gradlinige Erzählung. Wir mittendrin. Sehen wie riechen. Hören wie schwitzen. Realismus und Halluzination. In indirekter Rede und grossartiger Sprache geschrieben. Ein packend existenzielles Buch, das aufwühlt und tagelang als Stimmung ganzkörperlich nachwirkt.

Ana Nein (Ana non)
Augustín Gómez Arcos, Spanien, (1977 Frankreich/Französisch), 1979 in Deutsch von Imgard Kretschy, 263 Seiten
Ana Paucha, eine Frau des Meeres, die sich selbst «Ana nein» nennt. Sie führt ein einfaches und glückliches Fischerleben in Almería. Täglich rennt sie zum Strand und begrüsst ihren geliebten Mann, den Fischer Pedro Paucha nach der Rückkehr mit seiner Barke «Anita die Freude der Wiederkehr». Die Geschichte beginnt in der Zeit der Zweiten Republik mit dem Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939). Ana verliert mit 35 Jahren alles. Ihr Mann und die beiden ältesten Söhne José und Juan sterben als republikanische Soldaten im Bürgerkrieg und sind irgendwo in einem anonymen Massengrab begraben. Jesús, ihr «Kleiner», sitzt als Kommunist lebenslänglich im Gefängnis, das erfährt Ana in einem ersten Brief von ihm. Der Postbote liest vor, da Ana nicht lesen und schreiben kann. Monatlich trifft ein Brief von Jesús ein, jeden verbrennt sie ohne ihn zu lesen. Denn das Akzeptieren des «lebenslänglich» ist für sie gleichbedeutend wie das Akzeptieren des Todes ihres Kleinen.
Ana backt einen Kuchen aus Mandeln, Anis, Oel und viel, viel Zucker für ihren «Kleinen». Sie trifft die letzten Vorkehrungen und verlässt das Meer und das Haus für immer. Der Tod hat ihr alles genommen, hat sie heimatlos gemacht. Sie beschliesst, zu Fuss von Almería in den Norden zu gehen, zu ihrem Sohn im Gefängnis. Eine Reise der Liebe und des Todes beginnt. Wir reisen mit Ana, erleben Initiationen, erlangen Erkenntnisse, spüren die glühende Hitze der Bahngleise unter ihren Füssen. Die Bahngleise sind ihre Wegleitung in den Norden. Eine rüde Hündin, ebenfalls obdachlos und verwahrlost, mit leerem Magen, wird im Kampf um die Verteidigung ihres Kuchens ihre treue Freundin und Begleiterin. Bis der Hund vor ihren Augen ertränkt wird, da sie keine Impfpapiere vorweisen kann. Das Geld ist längst ausgegangen. Sie ist am Verhungern. Eines Tages landet Ana im kargen und mausarmen kastilischen Hochland von La Mancha in einer herrschaftlichen Stadt mit vielen Palästen und Kirchen und wird auf dem Kirchenplatz vom Bischof und einer reichen Militärkom-mandantin zu einer offiziellen Mildtätigkeit auserwählt als «arme und schmutzige Bettlerin» für «Unserer Lieben Frau der Sieben Eroberungen» und wird zu einer biblischen Festtafel mit Prunkmahl, zu in Juwelen und Seide gekleideten Gästen und goldlivrierten Kellnern eingeladen. Sie darf sich nicht waschen, sondern muss ihre Rolle erfüllen als «schmutzige Bettlerin», denn nur so wollen sie sie haben: Ana wird als «Arme und Schmutzige des Jahres» erklärt, der ein Grosszügiger und Reicher beisteht. Dekadenz, Macht und Armut geben sich die Hand.
Ana trifft auf Trinidad, einen blinden, ironischen, gebildeteten Poeten, Musiker, Propheten, der der 75-Jährigen das Lesen und Schreiben beibringt. Ein junger Freund. Zusammen versuchen sie, mit guten Vorstellungen Geld fürs Essen zu verdienen, da wird er verhaftet, da er zu politisch ist. Auf dem Weg nach Madrid plötzlich ein riesenhafter Schattenwurf, wie eine dicke geometrische Wolke, die sich eigensinnig zwischen Planeten und Sonne schiebt. Der Schatten dehnt sich in vier Himmelsrichtungen aus und unter ihm verliert jede Musik ihre Seele. Es ist für den Ruhm gemacht: Das Monu- ment von Sieg und Gloria, das ein riesiges Tal entstellt – «El Valle de los Caídos» (Tal der Gefallenen) und den Putsch und militärischen Triumph von Franco über die erste demokratische Regierung Spaniens. Ana: «Eines Tages wird der Schatten, der dieses Tal verdunkelt, ausgelöscht sein.» Ein Schrei, der sich von Stein zu Stein fortpflanzen wird.
In einem Spital sucht Ana Arbeit und findet als Leichenwäscherin eine Verschnauf- und Überlebenspause. Verdient sich magere Mahlzeiten mit Suppe und Schwarzbrot, ein paar Peseten und reist weiter zu Fuss. Stets ihr wertvolles Bündel an ihren Bauch gedrückt, den Kuchen, das geweihte Brot für ihren «Kleinen», das unantastbar ist.
Völlig entkräftet heuert Ana bei einem heruntergekommenen Zirkus an, um zu arbeiten. Das Glück steht auf ihrer Seite. Kein Lohn, jedoch die Fahrt nach Norden und ein voller Magen. Surrealistisch-magische Bilder der Zirkuswelt und ihrer Figuren und Tiere. Endlich erreicht Ana den Norden und verlässt den Zirkus. Es schneit, eine Welt aus weicher Wolle, eine unkörperliche Wolke aus Schnee, ohne Anfang und Ende. Ana, die trauernde alte Kriegerin versinkt und kämpft sich voran, orientierungslos in diesem Weiss und völlig entkräftet. Sie zittert, nur ein dünnes Kleid, ein Schal und eine Mütze schützen sie vor dieser nassen Winterwelt. In einem Café will sie sich wärmen, einen Milchkaffee kaufen. Sie wird vom Oberkellner rausgeworfen. Ein Kellner reicht ihr durch den Dienstboteneingang eine dampfende Tasse. Mit neuem Mut und und neu belebten Muskeln geht sie weiter. Es sind noch vier Kilometer Weg in diesem in Hermelin gehüllten Norden und die letzten Stunden ihres Lebens. Sie nimmt wieder ihre alte Ana-Paucha-Identität an, das mystische Bündel mit dem Kuchen fest an sich gedrückt. Vor einer Kirche spricht Ana eine Dame im Fuchspelz an und fragt nach dem Weg zum Gefängnis. Diese erschrickt, da es keine traditionelle Bitte um Almosen ist, was sie fassungslos macht. Der Pfarrer erscheint und will ihr die Beichte abnehmen. Ana sagt, sie will nicht beichten, sie möchte nur wissen wo das Stadtgefängnis ist. Sie will ihn noch ein letztes Mal vor dem Sterben sehen. Der Pfarrer: «Ist er krank?» Ana: «Ich spreche von meinem Tod». Ein Schild zeigt zur Nordausfahrt und schon bald taucht ein mächtiges Gefangen-enhaus im Weiss auf. Sie klingelt, ein Offizier empfängt sie höflich. Lässt sich die Akte von Jesús Paucha bringen. Ein apokalyptisches Ende bahnt sich an, heiter schneit es weiter.
Der Stil des Romans ist literarisch einzigartig. Eine lyrische Sprache, bildgewaltig. Die Erzählweise nimmt Elemente aus dem Theater auf, mit Szenen, Dialogen, Monologen und Stimmen aus dem Off. Die Dialoge von Ana mit dem Tod, ihrem Reisebegleiter, der sie verfolgt und gleichzeitig antreibt sind Realismus und Magie. Szenen und Figuren haben eine Plastizität und Poesie. Eine grosse Entdeckung eines unbekannten Autors.
Augustín gewinnt zweimal einen wichtigen Theaterpreis in Spanien, der ihm wieder entzogen wird. Er wird zensiert und geht ins Exil u. a. nach Frankreich, wo er viele Theaterstücke hervorbringt. Alle seine Romane schreibt er auf Französisch, bleibt jedoch den spanischen Themen verbunden. Sein Werk ist in Frankreich am Lyceum und an Universitäten Pflichtlektüre und hoch anerkannt. Ein grosser Unbekannter Bekannter in Spanien, der nie die gebührende Anerkennung erhalten hat. Ein Autor, den es zu entdecken gilt. In Deutsch gibt es nur Ana nein. Alle Romane auf Französisch und Spanisch.
Ebenfalls empfehlenswert: L’Agneau carnivore, 1972 (FR)| El cordero carnívoro (ES).

Die Geschwister
Brigitte Reimann, Deutschland, 2023 Urfassung (1963 zensierte Ausgabe), 224 Seiten
Eine Familiengeschichte aus einer verschwundenen Welt, die unmittelbar auftaucht. Drei Geschwister – Elisabeth die Jüngste, Uli und Konrad der Älteste stehen im Mittelpunkt. Kurz vor dem Mauerbau finden heftige persönliche und politische Diskussionen statt um das Bleiben in der DDR oder das Gehen in die BRD. Alle drei vertreten unterschiedliche Positionen und sind innerlich hin- und hergerissen. Elisabeth ist intuitiv implusiv, eine emanzipierte Frauenfigur. Von 1945 bis Mitte 1961 ist das Reisen von der DDR in die BRD über die Sektorengrenzen einfach. Bei einem BRD-Besuch bei Konrad und seiner Modigliani-Frau Charlotte im mondänen Kempinski kommt sich Elisabeth als «unerkannte Reisende in einem fremden Land vor», trotz der bekannten Sprache. Vor einem Jahr in Prag reisend, fühlte sie sich jedoch zu Hause und keinen Augenblick als Ausländerin. Mit Konrad entzweit sie sich bei diesem Treffen, nicht für heute und morgen. Nein, für immer. «Es ist ein unsichtbarer Schlagbaum, der mitten durch die Familie geht.»
Uli und Elisabeth leben eine komplizenhafte Verbundenheit, verwegen und voller Abenteuer. Sie teilen jeden Gedanken, führen heftige Streitgespräche und verstehen sich unvoreingenommen, so unterschiedlich sie beide auch sind. Bis zu dem Tag, als Uli beschliesst, die DDR auch zu verlassen.
Die Sinneseindrücke und Gefühle, was dieses Spannungsfeld des idealistischen Sozialismus der DDR und der kapitalistischen BRD und der damit verbundenen Freiheit mit einer ganzen Familie und Freunden macht, ist nah und autobiografisch erlebbar. Inkonsequent emotional, ideologisch und politisch klar unklar. Sorgen und Träume mit Enttäuschungen. Die Verlogenheit des Systems zeigt sich überall, doch: «Wir waren lächerlich jung und lächerlich begeistert und lächerlich unwissend.»
Ein eindrückliches Buch über die menschlichen Konflikte der deutschen Teilung, eine zeitlose Geschichte über Zugehörigkeit, Individualität, über Loyalität und den Mut, für eigene Vorstellungen von Freiheit und Glück einzustehen. Die Sprache ist frisch und originell. Ungezwungen poetisch. Mein Lieblingssatz von Uli zu Elisabeth: «Du hast eine männermordende Taille, Betsy».
Ebenso empfehlenswert das Hauptwerk, ein Buch zum Verlieben: → «Franziska Linkerhand».

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Jehona Kicaj, Kosovo (aufgewachsen in Deutschland), 2025, 176 Seiten
«Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund. Es fühlt sich an wie ein kleiner Kieselstein.» So beginnt dieses literarisch brilliante Buch. Die Erzählerin leidet unter Bruxismus: extremes Zähneknirschen mit mahlenden Bewegungen, das zu klirrenden Schmerzen führt. Der Zahnarzt passt eine Zahnschiene an, die sie bald durchbeisst. Er weist alarmiert darauf hin, dass sie in 10 Jahren weder sprechen noch essen kann, wenn sie dem verursachenden Problem nicht auf den Grund geht. Sie hat kürzlich gelesen: «Man kann den Mund als Gefängnis begreifen. Die Zähne sind die bewaffneten Hüter des Mundes.». Gerne würde sie Elias sagen, dass sie jedes einzelne Wort zuerst zermahlt, bevor sie es ausspricht. Geschichten nimmt sie unzerkaut auf und zerbeisst sie später.
Die namenlose Erzählerin und Hauptfigur vertraut Elias an, dass sie Deutsch nicht mit Vokabellisten, sondern vor dem Fernseher gelernt hat. Zuerst mit Zeichentrickfilmen und Anime-Serien; im Zusammenspiel aus bewegten Bildern und abwechselnden Stimmen hat sie den Zugang zum neuen deutschen Sprachraum gefunden. «Gjuha hui», auf Albanisch kann das «fremde Sprache» oder «fremde Zunge» bedeuten. Elias fällt auf, dass das Deutsch der Protagonistin auffällig ist, es klingt wie das einer professionellen Sprecherin. Noch heute bedeutet für die Erzählerin Deutschsprechen eine Nachahmung und sie fragt sich, wie viel von ihr selbst in ihren Worten liegt.
Die Eltern müssen in den 90er-Jahren aus dem Kosovo flüchten, der Grossvater ist im Kosovokrieg spurlos verschwunden. Die Familie ist vom Krieg geprägt. Als Übersetzerin ihrer Eltern, ist die Ich-Erzählerin die Deutscheste der ganzen Familie. Sie übernimmt früh viel Verantwortung und verliert die Unbeschwertheit der Kindheit. Wir erfahren wie es sich anfühlt, wenn die Orte derKindheit nicht mehr existieren: Das Haus, wo sie geboren ist, wurde niedergebrannt und es gibt keine Babyfotos von ihr. Ständig lebt sie zwischen zwei Ländern, Sprachen, Kulturen und ist entwurzelt, da ihr die Schale der Identität fehlt. Vieles versteht sie in Kindergarten und Schule nicht oder falsch und das Fehler machen und Anderssein führt zu dramatischen Alltagssituationen mit Scham und Ausgeschlossensein. Im Kosovo wird sie ausgelacht, da sie ein Albanisch der Grosseltern «im Mund warm hält». Die albanische Sprache, lernen wir, ist komplex. Wer damit nicht aufwächst, wird sie nie richtig sprechen.
An der Universität belegt die Erzählerin die Vortragsreihe «Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts» von Dr. Joanna Kroner. Eine Begegnung, die sie verändert. Kroner hat für das UN-Kriegsverbrechertribunal in Ruanda, Bosnien, Kroatien und im Kosovo gearbeitet und Leichen aus Massengräbern anhand des Gebisses identifiziert. Es geht darum, Geschehenes aus dem Vergessen zu heben und die Toten zum Sprechen zu bringen. Dabei erfahren wir was «antemortem», also lange zuvor geschehen ist und «perimortem», das was der Person kurz vorher oder im Moment des Todes widerfahren ist. Als Übersetzerin der Sprache des Skeletts geht es um den «doppelten Blick»: einerseits um Beweise für die grausamen Verbrechen und andererseits um das Eigentum der Angehörigen, die überlebt haben. Ein eindrücklicher Text, der die individuelle und kollektive Ebene des Krieges und seiner Auswirkungen zeigt.
Debut. Experimentell und literarisch poetisch folgen Szenen auf Szenen die sich selbst reflektieren und antworten. Sprache, Gebiss, Zunge, Stimmen, Reisen, Bilder, Verschwiegenes, kultische Objekte, Lieder, geschichtliche und biografische oder mediale Elemente fügen sich zu einem Mosaik zusammen und vermitteln das Verschwundene und die Heimatlosigkeit.

Sprung ins Leere
Heinrich Steinfest, Österreich, 2024, 496 Seiten
«Ein Mann springt in die Leere. Eine Frau springt ins Leere. Die Frau allerdings drei Jahre vor dem Mann.» Damit beginnt die Geschichte. Helga Blume erschafft die besondere Fotomontage 1957. Yves Kleins «Sprung in die Leere» drei Jahre später im 1960 wird zu einem ikonischen Kunstwerk einer ganzen Epoche. 1957 verschwindet Helga Blume von einem Tag auf den andern spurlos und verlässt ihr einjähriges Kind Britta und den Ehemann ohne Nachricht. Klara Ingold ist die Tochter von Britta und arbeitet im Kunsthistorischen Museum Wien als Aufseherin. Klara hat eine tiefe Liebe zu Gemälden und kann in ein Bild versinken. Eine Gabe, die nicht viele verstehen. Der Nachlass der totgeschwiegenen Grossmutter taucht im Lager einer Münchner Gerüstbaufirma auf. Klara macht sich auf den Weg nach München, auf die künstlerische Spurensuche ihrer Grossmutter Helga. Die Fotografie «Der Sprung ins Leere» führt sie nach Wuppertal zu diesem Balkon des Sprunges. Hier lebt Emma Salewski, die Tochter der vor Jahrzehnten zugleich mit Klaras Grossmutter von der Bildfläche verschwundenen Lilo Wagner. Emma übergibt Klara eine rotsamtene Schatulle mit goldener Uhr, Patrone, Füller und einem fehlenden Etwas und ein Foto, das die beiden Vermissten in Magome in Japan zeigt. Das nächste Ziel steht fest. Klara nimmt Urlaub und reist mit Georg – dem Mittagsmann, der jeden Mittag im Museum gebannt auf den «Grossen Wald» von Ruisdael schaut – zusammen nach Japan. In Tokyo gelandet, fahren sie mit dem Mietauto weiter und machen Halt im Tokyo Fuji Museum. Klara hat für Georg eine Überraschung bereit. Das Bild von Pieter Bruegel dem Jüngeren, der Vaters grandioses Gemälde «Die Bauernhochzeit» auf eine eigene Weise, fast comicartig, im 1630 nachbildet und vom Innenraum ins Freie verlegt. Im Saal mit der Retrospektive folgt Klara einer inneren Stimme und bleibt wie angewurzelt vor dem Bild «The Blind Cook», 1962, des Malers Hashimoto stehen. Sie erkennt ihre Grossmutter Helga, eine akkurate Audrey-Hepburn-artige-Erscheinung. Im Museumskaffee wird Klara von der Dolmetscherin des renom-mierten Filmregisseurs Takashi Itō angesprochen. Er bietet ihr die weibliche Hauptrolle der Violet Cox an für den neuen Film «Women at the Bath». Itō will, dass sie ihn in Nishiizu besucht und das Manuskript liest. Erst muss Klara jedoch das nächste Glied der Kette schliessen, es führt sie zum lebenden 98-jährigen Maler, der ihr den Tipp mit der Insel gibt. Welche Insel, fragt sich Klara. Helga hält im Bild «The Blind Cook» ein Deba-Messer mit der Signatur «Die trauernde Insel». Dieses Puzzleteil führt Klara auf die Vulkaninsel Aogashima. Sie entdeckt, dass Helga und Lilo mit einem ehemaligen, viel jüngeren Tennisstar inmitten des Urwalds während vieler Jahre zusammengelebt und Tennisdoppel gespielt haben. Mythen und Moral umkreisen die drei. Das verschwundene «Etwas der Schatulle» führt zu einem Wissenschaftler, der die Schwerkraftumlenkung beherrscht und damit die Welt in Händen hält. Modell und Maler: Die geheimnisvolle Helga ist von der Kraft, Schönheit und Eigenwilligkeit eines eleganten Bonsai. Wie sich das Necklace schliesst, wird nicht verraten.
Ein Pageturner. Die Geschichte spielt im 2025 und ist ein Produkt der Fantasie. Orte und einige Kunstwerke stammen aus unserer Welt. Literarisch und sprachspielerisch. 007 und Poesie. Humor und Lebensphilosophie. Ein visuelles Buch. Wir treffen auf grossartige Kunst und Sätze. Sätze, die ich mir notiert habe.

Die Barcelona-Trilogie – der moderne katalanische Klassiker
Die beiden wichtigsten Familien mit Macht und Status in der Trilogie: Der alte Miralpeix und die Venturas/Clarets. Grossmutter, Mutter, Tochter, alle werden anstelle von Ramona beim Spitznamen Mundeta gerufen, was kleines Mädchen bedeutet. Die erste Mundeta lebt um die Wende zum 20. Jahrhundert, ihre Tochter wird zur Zeit der Spanischen Republik und des darauffolgenden Spanischen Bürgerkriegs in den dreissiger Jahren sozialisiert, die Jüngste ist Studentin in den sechziger
Jahren. Abwechselnd werden die Geschichten der drei Frauengenerationen skizziert im Barcelona der Umbrüche, Unruhen und Umstürze. Vom zweiten Bürgerkrieg (1936–1939) bis zur Franco-Diktatur (1939–1975). Von der Transición zur Demokratie (1975–1983). Im Mittelpunkt steht die Rolle der spanischen Frau in einer einengenden Umgebung, ökonomischen Abhängigkeit und einer restriktiven Gesellschaft der Zwänge. Barcelona ist zu diesem Zeitpunkt eine Stadt der Männer, der Armen in den Arbeitervierteln und der flanierenden Oberschicht mit ihren Roben auf dem Passeig de Gràcia. Ein Barcelona, das nichts mit dem kosmopolitisch touristischen Barcelona seit der Öffnung im 1992 mit den Olympischen Sommerspielen zu tun hat.
Literarisch gelingt Montserrat Roig ein faszinierend multiperspektivisches Gesellschaftspanorama, einer melancholischen und unterdrückten Kultur. Sie schafft intime Nähe zu den einzelnen Figuren, Rollen. Von der Innenseite zur Aussenseite. Roig ist sehr gut darin, mit wenigen Worten Bühnenbilder und dichte Atmosphären wie in einem Film oder Gemälde aufzuzeichnen. Frisch, zeitlos gegenwärtig.

Die Frauen vom Café Núria | Teil 1
Montserrat Roig, Spanien, 1972, 2024 Deutsch von Ursula Bachhausen und Kirsten Brand, 224 Seiten
Mundeta die Zweite – Ramona Ventura – irrt 1937 einen Tag lang durch das zerbombte Barcelona im Spanischen Bürgerkrieg auf der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann Joan Claret. Sie schildert diesen Ausnahmezustand von Chaos, Tod und Trümmern in naiven Worten und erzählt das später immer wieder wie ein Bonmot oder eine Anekdote. An diesem Tag spricht sie erstmals mit einem Anarchisten. Die gelangweilten Frauen treffen sich im Café Núria, um heisse Schokolade zu trinken und sich die Zeit mit klatschen zu vertreiben. In Minisequenzen tauchen glitzernde Frauen auf: Kati, freizügig, neugierig, frei und unabhängig. Eine leidenschaftliche Anarchistin. Sie liest Bücher, spricht offen über Gedichte und Politik und ist mit 30 unverheiratet. Oder Ana, eine Studienkollegin von Mundeta, die Sex als Bedürfnis sieht und deshalb als Uni-Schlampe bezeichnet wird. Die Männer an der Seite der Frauen sind ganz unterschiedlich. Francisco ist dichterisch aktiv und gilt als schwach, nicht durchsetzungsfähig. Er wird vom System erdrückt, wird krank und stirbt früh. Joan dagegen ist Teil des Systems, mit unsauberen Geschäften, ein rücksichtsloser Kapitalist und Machtmensch, der seine Frau und die Kinder autoritär unterdrückt. Jordi dagegen, ein wütend gekränkter Studentenanführer, der sich nicht binden will. Die Frauen finden Wege, mit ihnen zurechtzukommen. In diesem Ambiente will Mundeta die Dritte – Ramona Claret – ausbrechen, weg von der Grossmutter, die in ihrem Zimmer einen eigenen Altar hat und dahinkümmert. Weg von der hilflosen Mutter, die sich vor ihrem Mann Joan fürchtet und sich nicht lösen oder wehren kann. Sie will frei sein. Analytisch und reflektierend urteilt sie hart über die feige, öde und rückwärtsgewandte Familie Claret. Sie ist ein Kind der 60er-Jahre und studiert an der Universität. Die Perspektiven ändern sich, so wie die Stadt Barcelona.

Als wir von den Kirschen sangen | Teil 2
Montserrat Roig, Spanien, 1977, 2024 Deutsch von Ursula Bachhausen und Kirsten Brand, 320 Seiten
Im zweiten Band bewegen wir uns im Barcelona der 60er-/70er-Jahre, im Fokus steht der Familienclan der Miralpeix, die seit Jahrzehnten mit den regimetreuen Venturas/Clarets des ersten Teils verbunden sind. Die Hauptprotagonistin ist Natàlia Miralpeix. In ihrer Jugend rebelliert sie gegen das faschistische Franco-Regime, gegen ihre kaputte und korrupte Familie, gegen den lähmenden Katholizismus. Sie verliebt sich jung und treibt illegal ab. Politisch engagiert, wird sie bei der Studentenrevolte festgenommen und verlässt Spanien anfangs der 60er-Jahre. In Paris erlebt sie den Mai 1968, danach geht sie nach London. Erstmals geniesst sie das Leben als freie und selbstbestimmte Frau. Zwölf Jahre später, am 2. März 1974, kehrt Natàlia aus ihrem Exil zurück nach Barce-lona. An dem Tag, als der 25-jährige Anarchist Salvador Puig Antiche in der Endphase der Franco-Diktatur hingerichtet wird. Eine der letzten Todesstrafen in Spanien. Veränderungen kündigen sich an, erschreckend und ermutigend. Barcelona ist traurig und heruntergekommen. Die Jugend schreibt Gedichte, hört Jimi Hendrix und träumt von einer freien Zukunft. Der Bruder Lluís hat Kar-riere gemacht, liebt schnelle Autos und fährt todessehnsüchtig, verachtet Idealisten aller Art und hat Geliebte. Seine Frau Silvia, in ihrer Jugend eine aufstrebende Ballerina, beendet ihre Tanzkarriere mit der Ehe. Sie ist unglücklich, ihre rollentypischen Themen kreisen um Abnehmen, Einkaufen, Opern. Sie ist bemüht, dem Status und dem Ehemann gerecht zu werden. Lustig und humorvoll: Eine Tupperparty bei Silvia mit andern Frauen aus der Oberschicht. Diese beginnt harmlos mit Kuchen, nimmt bald Fahrt auf, völlig enthemmt gerät alles ausser Kontrolle. Es tauchen weitere Figuren auf und zeichnen andere Facetten: Tante Patrícia, die sich mit Alkohol tröstet und ein schambesetztes Geheimnis ihres Gatten Esteve Miràngels mit einem Dichter bewahrt. Die langjährige Hausangestellte kennt alle Familienabgründe und plant ein neues Leben. Joan Miralpeix, der verhasste Vater, ist besessen von der Liebe zu seiner toten Frau Judit Fléchier und zerbricht. Natàlia versucht zu verstehen und einzuordnen und sieht ein, dass sie sich ihrer Familie, der Vergangenheit und allen Gespenstern stellen muss, wenn sie sich davon befreien will, um wirklich frei zu sein.

Die violette Stunde | Teil 3
Montserrat Roig, Spanien, 1980, 2025 Deutsch von Ursula Bachhausen und Kirsten Brand, 280 Seiten
Im Zentrum des dritten Bandes stehen die beiden Freundinnen Norma, Journalistin und Schriftstellerin und Natàlia Miralpeix, Fotografin. Beide leben im Barcelona der Transición, vom Übergang der Franco-Diktatur nach über 40 Jahren Herrschaft zur Demokratie (1975–1982). Natàlia findet Tagebücher und Notizen ihrer verstorbenen Mutter Judit sowie Briefe von Kati. In den 30er-Jahren hatte Judit eine enge Beziehung zu Kati, der Bohemienne, Anarchistin und Unterstützerin der Zweiten Republik, die sie für ihre Unabhängigkeit bewunderte. Judith selbst, eine zarte und leidenschaftliche Frau. Hochbegabte Pianistin mit dem begrabenen Traum vom Komponieren eigener Werke. Von ihren drei Kindern liebte sie Pere abgöttisch – das Kind mit Behinderung; Lluís und Natàlia ignorierte sie. Pere stirbt früh. Das verwandelt Judit, sie beginnt mit Puppenfetischen die Wohnung in ein Horrorkabinett zu verwandeln und wird immer stiller. Ein einschneidendes Erlebnis und eine Krankheit verändern Judit in eine lebende Tote. Auch davor ist Natàlia in ihr Exil geflüchtet. Beim Lesen und Vertiefen in die Tagebücher ihrer Mutter tauchen unbekannte Seiten der Mutter und viele Fragen auf. Welche Art Beziehung führten Kati und Judit? Waren sie ein Liebespaar? Mussten sie vor dem faschistischen Regime ihre lesbische Beziehung verheimlichen? Natàlia übergibt Schriftstücke der Mutter ihrer Freundin Norma und bittet sie, einen Roman daraus zu machen. Beide Freundinnen befassen sich durch ihre Arbeit als Schriftstellerin und Fotografin mit dem gesellschaftlichen und politischen Umbruch und sind Zeitzeuginnen. Beide Freundinnen befinden sich in Lebenskrisen. Die Sehnsucht Judits nach Freiheit und Selbstbestimmung wirft bei beiden Fragen auf. Wie steht es um ihre eigenen Beziehungen? Norma hat eine kräftezehrende Dokumentation über katalanische Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern fertiggeschrieben und ist am Ende ihrer Ehe mit einem kommunistischen Funktionär. Sie ist sich am Verlieben in einen Mann, der sich nie von seiner Frau trennen wird. Natàlia führt eine ambivalente Beziehung mit dem viel jüngeren Jordi, zwischen der Bequemlichkeit des Patriarchats, der unverbindlichen Freiheit und der macho-geprägten Parteiarbeit. Diese Krisen, begleitet von vielen Debatten und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Freundinnen, überlagern das Romanprojekt über Judit.
Der Tonfall und die Schreibweise im dritten Teil entsprechen der Zeit, radikal und subjektiv, intellektuell reflektierend. Ein Hineintasten und Annähern, sinnlich einfühlsam. Literarisch liest es sich wie ein Zeitdokument, gesellschaftlich und politisch, zwischen privat und öffentlich und dem Aspekt der weiblichen Selbstbestimmung. Im Kern: Zusammen schreiben und denken.

© Fotos Francisco Paco Carrascosa Zürich | Ich habe mir an einigen Stellen Worte der Autor:innen ausgelehnt – Textzitate © bei den Autor:innen. | Cover © bei den Verlagen.
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