Meine Literaturempfehlungen 2017

# Zufälle

Im 2017 bin ich in den Sog von norwegischen Autoren geraten. «Alles hat seine Zeit» ist mein Buch des Jahres 2017. Über Knausgård ist viel geschrieben worden, auch viel Unsinn. Wie er aus Erfindungen Realität schafft und umgekehrt ist neu. Er geht weiter als die Realität.

Alles hat seine Zeit
Karl Ove Knausgård, Norwegen, 2004, 637 Seiten (Debut)

Ein grosser Roman, der die Bibel neu erzählt, schwebend leicht. Hat es Engel gegeben? Es beginnt mit einem Engelforscher der Renaissance, den es nie gegeben hat. Die Geschichte nimmt Fahrt auf über die Themen und Gestalten des alten Testaments wie Kain und Abel, Noah und die Sinflut, Sodom und Gomorrha. Auf der Suche nach dem Menschsein und der Beschaffenheit des Göttlichen, von der Antike bis zur Aufklärung. Die Erfindung wird zur Realität. Die Engel führen durch die alttestamentarischen Erzählungen und zeigen ihr Wesen. Wie in einem Sachbuch lesen wir über die Bedeutung der Engel und von ihrem Fall — eine interessante Theorie. Biblische Schattenseiten thematisiert Knausgård, in der Überlieferung werden sie totgeschwiegen. Die gewaltig gezeichnete Landschaft ist autobiografisch und beschreibt die Berge von Ålhus in Jølster und Sørbøvåg bei Lihesten in Ytre Sogn (Norwegen). Kann eine Landschaft Heimat sein? Am Ende des Buches landen wir auf einer Insel an der norwegischen Küste. Ein junger Mensch findet die Schönheit des Lebens. Grandios.

 

«Min kamp I–VI» (2009–2011)
Karl Ove Knausgård, Norwegen, 1 Buch in 6 Bänden, 3500 Seiten: 1: «Sterben» (2011), 2: «Lieben» (2012), 3: «Spielen» (2013), 4: «Leben» (2015), 5: «Träumen» (2016), 6: «Kämpfen» (2017).

Vielgerühmt und vielgeschmäht. Wie Knausgård seinen Alltag schildert, der sich langweilig und öde zeigt. Oder autobiografisch ein Bild von einem Mann malt in der Zerrissenheit des Familienvaters und Autors, in dessen Jugend sich vieles so abspielt wie in der Jugend von Millionen anderer. Es geht um Innenleben, Jugend, Liebschaften, Ehekrise, familiäre Beziehungen. Von der Kindheit zum Erwachsenwerden. Vom Schreiben zum Autor. Ein Close-up des Gewöhnlichen, eine akribische Detailbesessenheit: Was ist daran interessant? Die Nähe und Offenheit. Schonungslos wird in «Sterben» der tyrannische Vater von Knausgård verdaut und er befreit sich. Das Erinnern ist aussergewöhnlich bildhaft, ein Atmen der Realität. Die philosophischen Reflexionen sind frisch und mutig, die Dialoge fiktional und künstlerisch: Mit grosser Reduktion, das Ungesagte erscheint wichtiger als das Gesagte und findet sich zwischen den Zeilen. Anregend aufregend. Das macht die Bücher für den Leser sehr intensiv. Eine Sprache, die starke Bilder erzeugt. Er schafft einen literarischen Raum — mit «Bis-ins-Privateste-gehen» — der klingt. Dadurch geht er über das «Private» hinaus und stellt durch die Unmittelbarkeit eine Universalität her, was Menschsein ausdrückt. Für mich ein neues Leseereignis und ein Literaturklassiker.

 

Worauf du dich verlassen kannst
Kate Tempest, Grossbritannien, 2016, 400 Seiten

Gewitterfunken, Wortkaskaden wie Reime. Ein Sprachgewitter über die ersten 30 Seiten. Wild rauschend. Eine unscheinbare und vertraute Geschichte, die in diesem Roman eine absolute Nebenrolle spielt. Es geht um die Nebenplots. Eine Reportage über die Lebensläufe der drei Hauptfiguren, aufgeladen mit den Biografien ihrer Eltern und Grosseltern. Zügellos: Wie Schwarztee mit Schlagsahne und Topping.

Kate Esther Calvert (*1985) alias Kate Tempest ist Rapperin, Dichterin, Spoken-Word-Performerin, Theater- und Romanautorin. Sie stammt aus Brockley im Südosten Londons. Der Roman handelt dort. Die Protagonisten und Geschichten stammen aus ihrem letzten Album «Everybody Down», die Songtitel werden zu den Kapiteltiteln: Betty, die Tänzerin, verdient ihr Geld mit erotischen Massagen, daneben kellnert sie im Pub ihres Onkels. Sie träumt von ihrer Karriere als grosse Choreografin mit eigener Tanzkompanie. Harry (alias Harriet), die im falschen Körper zur Welt kommt, verdient ihr Geld mit Koks-Dealen und hat viel Geld gestohlen. Pepe ist ihr bester Freund und Geschäftspartner. Beide sparen und träumen vom Ausstieg mit einem Quartiercafé als Nachbarschaftszentrum. Ihr Bruder Pete hat ein Politikstudium und schlägt sich mit Aushilfsjobs durch, ist komplett antriebslos und dröhnt sich voll. Tempest schreibt: «Romantiker mit leerem Blick und ohne Perspektive.»

Auszug Seite 38: «Die Frau leuchtet so grell in Harrys Augen. Sie explodiert aus sich selbst heraus wie ein Feuerball. Heller und heller. Ihre Konturen sind elektrisch und ungestüm, sie schlagen in die Party ein wie Blitze, sie spalten und versengen sie und funkeln wie Sonnenlicht, das sich im Wasser spiegelt und zu Hitze wird. Sie hat etwas Unbändiges an sich. Es ist gold glänzend und gelb glühend, ein schwarzes Feuer, das in seiner Mitte blau brennt. Eine neue, grell glühende Sonne. Harry blinzelt, sammelt ihre Körperteile aus allen Ecken des Raumes auf und setzt sie wieder zusammen.»

Die Energie der Sprache. Die ausufernden Gefühle. Das ins Ohr atmende London. Und das komplexe Rollen und Verstricken der Lebensläufe und Nebengeschichten. Das macht diesen Roman einzigartig.

 

Erinnerung an Petersburg
Joseph Brodsky, (1940–1996), Sowjetunion/USA, 1986/2003, 152 Seiten

Analyse und Poesie umarmen sich. Inventar der Kindheit als Ortsbesichtigung. Die Wohnung, das Mobiliar, der Inhalt der Kommoden, die Strasse vor dem Haus, der Fluss, die Fassaden und Putten von Sankt Petersburg. Brodsky wurde als Bürger 1972 nach fünfjähriger Zwangsarbeit aus der Sowjetunion wegen Parasitentums ausgebürgert. Er hat nie mehr russischen Boden betreten. Um im Exil nicht zu verstummen, schrieb er dieses Buch, das eine Liebeserklärung an seine Eltern und die schönste Wohnung ist. Es spielt in der Nachkriegszeit in einer typischen russischen Einkindfamilie. Die Monotonie des Alltags der sozialistischen Planung: Schulen, Fabriken, Gefängniszellen, Wohnzellen. Die Enge ohne Freiheit. Das Buch ist in Englisch verfasst, um die Bewegungsfreiheit der Eltern wenigs-tens in den englischen Verben zu ermöglichen. Seine Eltern versuchten über 10 Jahre lang, Brodsky in den USA zu besuchen. Das System war stärker. Sie sahen sich nie mehr. Im Mikrokosmos sind die grossen Fragen des Lebens, der Herkunft, über den Tod — wie man richtig lebt und stirbt — und wie man mit Verlusten — Trennung und Schmerz — fertig wird. Die Gedanken bewegen sich. Das Zuhören berührt.

Auszug, Brodsky im Telefongespräch mit seiner Mutter: «Was hast du vor fünf Minuten gemacht, bevor du angerufen hast?» — «Gerade hab ich abgewaschen.» — «Ah, ja, das ist sehr gut. Eine gute Sache: abwaschen. Manchmal hilft das ungeheuer.»

Brodsky schrieb in russischer Sprache Gedichte und in englischer Sprache Prosa, Essays und seltener auch Gedichte. Seine Gedichte sind herausragend.

 

Radetzkymarsch
Joseph Roth, Österreich, 1932, 447 Seiten, ein Literatur-Klassiker

Anhand von drei Generationen der Familie von Trotta schildert Joseph Roth im Radetzkymarsch die Chronik der österreichisch-ungarischen Monarchie. Vom staatlichen Glanz zum Zusammenbruch. Der Grossvater hat dem Kaiser in der Schlacht bei Solferino das Leben gerettet. Das schafft lebenslange Privilegien und eine schützende Hand für die Nachkommen. Es gibt drei Endfiguren: Dem Vater von Carl Joseph, Bezirkshauptmann, gelingt es mit trockener Pedanterie einigermassen, dem Helden von Solferino nachzuleben. Kaiser Franz Joseph ist ein liebenswürdiger Patriarch, der die Sonne im Reich untergehen sieht, aber jede Reform ablehnt, da er weiss, dass er vorher stirbt. Der Enkel Carl Joseph von Trotta erträgt die Last seines sinnlosen Berufs mit Offizierlaufbahn nicht und betäubt sich mit Alkohol, Spiel, Lügen und Frauen. Auch er fühlt sich der vorbildlichen Gestalt seines Grossvaters — dem Helden von Solferino — verpflichtet. Ein rauschendes Sommerfest endet abrupt durch die Nachricht des Kuriers über die Ermordung des Kaisers. Das führt zum Entschluss Carl Joseph von Trottas, endlich aus der Armee auszutreten. Er kehrt bei Kriegsausbruch wieder zum Bataillon zurück und fällt beim ersten Gefecht. Er war nie Held, aber Weltbürger. Wortkarge Dialoge. Das Schweigen und Leiden von Carl Joseph — dem Helden — wird in Pausen ausgedrückt. Die Sprache von Roth hat Anmut und Charme. Die Erzählung ist traditionell, besticht durch die Ruhe und hohe Kunst von Analytik und Plauderei. Die Prosa ist unvergleichlich schön. Eine aktuelle Sprache.

Ebenfalls empfehlenswert: «Hiob» und «Die Geschichte von der 1002. Nacht»

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