Meine Literaturempfehlungen 2018

# Zufälle

Imagination führt zu Freiheit. 12 Bücher, davon zwei Romantrilogien. Alle haben mich durch ihre ungewöhnlichen Geschichten, die eigene Sprache und die berauschende Erzählform begeistert.

Warten auf Bojangles
Oliver Bourdeaut, Frankreich, 2017, 160 Seiten (Debut)

«Vor meiner Geburt, hatte mir mein Vater erzählt, sei er mit einer Harpune auf Fliegenjagd gegangen.» Phantasievoll schwebend wie ein Tagtraum: Der Bub betrachtet in seiner naiven und verrückten Sprache das Ehepaar. Ein Tag ist übermütiger als jeder andere. Alles ist leicht, alles darf ausprobiert werden. Sie tanzen immer und überall, mixen sich Cocktails, feiern eine Party nach der andern. Zum Fitnesstraining wird «Gym Tonic» getrunken. Witzige Dialoge, pure Lebensfreude, irre Ideen und farbenfrohe Geschehnisse jagen sich. Alle drei flunkern keck und sind magische Geschichtenbauer, die Leute erliegen dem Charme. Eine eigene Welt öffnet sich: Sie siezen sich. Georges gibt seiner Frau jeden 2. Tag einen neuen Namen, der sie inspiriert. Jeden Tag ist sie eine neue für ihn, eine die mit den Sternen per Du ist. Sie nimmt alle für sich ein in ihrer extravaganten Art. Er ist Ruhepol und lässt sich auf das Abenteuer Wahnsinn und Chaos ein: Sie bringt ihn zum Lachen und gibt seinem Leben Sinn. Zwei Seelenverwandte, die sich tief lieben. Der Wahnsinn wird zur Tragik und führt zur Katastrophe. Ein paar wenige Kapitel am Ende erzählt der Vater in seinen Notizen den Beginn der Geschichte in einem poetisch-nostalgischen Rückblick, was ihn an der besonderen und schönen Frau fasziniert und legt den Hintergrund offen. Im Gegensatz zum Kind war Georges eingeweiht. Der Song «Bojangles» von Nina Simone erklingt. Traurigkeit und Heiterkeit, Leichtigkeit und Wucht, eine mitreissende Geschichte mit sympathischen Protagonisten. Literarisch originell.

 

Das Leben von Vernon Subutex — Trilogie
Virginie Despentes, Frankreich, 2017, Band 1: 399 Seiten, Band 2: 398 Seiten, Band 3: 409 Seiten.

Die hyperrealistischen Protoganisten sind klar geschnitten, tragen mollige Namen wie Vodka Santana, Lydia Bazooka, die Hyäne. Die Geschichte spielt im Künstlermilieu von Paris. Ein schonungsloser Blick, jede Figur berichtet von ihrem Scheitern und was aus ihr geworden ist. Es geht um das Leiden aller in einer gespaltenen Gesellschaft. Im Park Buttes-Chaument lernen wir die Obdachlosen kennen mit ihren Phobien und den harten Regeln des Überlebens. Wir folgen Vernon durch alle Buchseiten, vom erfolgreichen Plattenladenbesitzer mit Kultstatus bis zum Obdachlosen DJ, der die Leute mit seinen Playlists wie mit LSD in andere Sphären abheben lässt und süchtig macht. Transzendenz. Ein Rockstar hinterlässt ein Testament mit Sprengkraft, hinter dem alle her sind mit ganz unterschiedlichen Motiven. Es ist ein französisches Gesellschaftspanorama einer Generation von Menschen, die mit ihren Ängsten kämpfen (sozialer Abstieg, Sehnsüchte, Terror). Es geht um Einzelwesen und tausend Gleichgesinnte. Statt etwas gemeinsam zu erleben, kommunizieren sie nur noch antiseptisch über die sozialen Medien miteinander. Sie klagen, vereinsamen, verrohen. Die Figuren sind brüchig, sie verbarrikadieren sich in Ansichten und Selbstbildern. Damit geben sie sich der Illusion von Stabilität hin. Die harten ökonomischen Zeiten begünstigen den Wirtschaftsliberalismus und damit das Wiedererstarken der Rechten. Der vermeintliche individuelle Freiraum trägt autoritäre Züge. Despentes zeigt die Wichtigkeit des Kollektivs auf, der Bande, wie wir das aus der Teenie- oder Hippie-Zeit kennen. Die Vereinzelung führt zu nichts. Werte, Sprache müssen nicht geteilt sein, um miteinander zu streiten, zu tanzen, zu reden oder zu lieben. Der Ton ist laut, unverblümt, schnell, wütend, mit poetischen Sätzen. Ich habe Despentes im heissesten aller Sommer gelesen — es rockte.

 

Die Orbitor-Trilogie
Mircea Cãrtãrescu, Rumänien. 1: Orbitor. Linker Flügel. (Die Wissenden, 527 Seiten, 2007). 2: Orbitor. Körper. (Der Körper, 606 Seiten, 2011). 3: Orbitor. Rechter Flügel. (Der Flügel, 672 Seiten, 2014).

In Bukarest, in der Ștefan-cel-Mare-Chaussee, im 5. Stock von einem Wohnblock, blickt ein Junge hinaus. Jeden Abend, in fiebriger Erwartung und bei gelöschtem Licht. Wir begegnen ihm auf Streifzügen durch Bukarest, durch Wohnungen und Gänge, Hinterräume, Schächte, Estriche und Keller. Es sind Räume der Angst. Wir dringen in Geheimnisse ein. Die mythischen und archaischen Geschichten und Rituale seiner Vorfahren und seiner Heimat werden aus der Erinnerung lebendig. Die Figuren sind Mircea und seine Eltern, Verwandten, Nachbarn und Herman. Menschen erstarren, Statuen erwachen und die Identität so mancher Person scheint fliessend zu sein. Der Schmetterling als Leitmotiv taucht immer wieder auf, von der schwindelerregenden Metamorphose zur Chaostheorie. Metaphysik, Naturwissenschaften, das alte Testament sind Teil des Kosmos. Eine Fülle von Episoden, in traumhaften und fantastischen Schilderungen. Es ist ein Eintauchen in die Wirklichkeit und eine Vielfalt von Parallelwelten: Surreal, halluzinatorisch, visionär.

Die Orbitor-Trilogie ist ein Prosawerk, monumental, exzessiv und alle Grenzen sprengend. Es ist alles gleichzeitig: Künstler-, Grosstadt- und Weltroman. 14 Jahre schrieb Cãrtãrescu an den 1800 Seiten: Es ist ein Roman, bei dem kein Wort ausgelassen werden kann, er ist so lang, wie er sein muss. Darin wird viel erzählt, der Gegenstand ist der Autor selbst, seine Art des Denkens. Drei Kapitel haben mich nachhaltig begeistert: Im Staatszirkuskapitel beginnt die Verwandlung einer Raupe in einen Hirschkäfer. Die Erzählstimme wechselt auf ein Dutzend verschiedene Personen, Besucher, Artisten und Tiere, auch auf Mircea, der mit seinen Eltern die Vorstellung besucht und während der Veranstaltung von einem Schlangenmann-Yogi ausgewählt und vor aller Augen in Trance versetzt wird. Das Kapitel der Heimarbeit der Mutter, wie sie Teppiche knüpft und diese immer grösser, virtuoser und phantasmagorischer geraten, ist genial. Securitate-Männer vermuten darin verwobene Welt- und Staatsgeheimnisse und beschlagnahmen sie. Im 3. Buch: Der Aufstand der Bukarester Statuen und Denkmäler, einfach grossartig. Von Hunden und Vögeln verschmutzt, verwittert und vergessen erheben sie sich und begeben sich 1989 an die Spitze der Revolution. Sie dringen in Ceauşescus Palast des Volkes ein und schreiben nochmals Geschichte mit der Apokalypse: Hier zeigen sich die überragende Fantasie, der Humor und die Geschichtsphilosophie des Autors.

Der Autor wiederholt in der Trilogie immer wieder: Es ist ein unmögliches Buch. Es gibt keine Story, es ist unlesbar, entsteht ohne Plan. Es ist weder Tagebuch noch Geschichtsbuch. Der Wortschatz ist uferlos. In den 30ern ist Bukarest eine normale europäische Stadt wie Brüssel, in den 40ern wird das Land systematisch zerstört. Die Freiheit findet in der Literatur statt. Glitzernd faszinierend: Ein experimentelles Erlebnis, eine unvergessliche Reise und reiche Belohnung.

 

Sie kam aus Mariupol
Natascha Wodin, Deutschland (alias Natalja Nikolajewna Wdowina, ukrainisch-russische Abstammung), 2017, 368 Seiten

Ein atmosphärischer Tatsachenroman in 4 Teilen. Jahrzehntelang wusste die Autorin nichts von
ihrem eigenen Leben, dass sie ein Kind von Zwangsarbeitern ist. Ausgesprochen klug breitet sie das Material ihrer Lebensgeschichte aus. Sie wirft einen neuen Blick auf die Geschichte, wie wir sie so noch nie gelesen haben. Schicht um Schicht wird das Leben der Mutter freigelegt, dass sie aus einer Adelsfamilie aus der ukrainischen Stadt Mariupol am Asow’schen Meer stammt. Es gibt Opernsänger, einen berühmten Soziologen und bolschewistische Revolutionäre. Ein zweiter Zweig der Familie führt zu italienischen Reedern, die ein abenteuerliches und freies Leben führen. Die Mutter ist eine zerrissene, kranke und traumatisierte Frau. Wodins Eltern haben deutsche Bomben auf Mariupol, sowjetische Bomben auf der Reise nach Deutschland und amerikanische Bomben auf Leipzig wie durch ein Wunder überlebt. Einmal beobachtet das Kind Natascha, wie die Mutter in einer fremden Wohnung unvermutet und völlig selbstverständlich das Regentropfen-Prélude von Chopin spielt, wie aus einer andern Welt. 30’000 Zwangsarbeitslager hat es im Deutschen Reich gegeben. Millionen Menschen aus dem Osten wurden deportiert und waren darin interniert, wie Natascha Wodins Eltern. Es herrschten KZ-ähnliche Zustände in den Lagern der Zwangsarbeiter in der Schwerindustrie wie die Flick-Werke, die mit der Ausbeutung Rechtloser ein Vermögen gemacht haben und nach dem Krieg glimpflich davongekommen waren. Im Nachkriegsdeutschland werden die ehemaligen Zwangsarbeiter zu «Displaced persons» und leiden weiter an unsäglichem Hunger, Erniedrigung und Ausgrenzung. Nicht erst in Deutschland wurden sie zu Untermenschen, bereits in der Ukraine waren sie Menschenunrat. Im Westdeutschland der 40er/50er Jahre haben sie keine Chance, die Mutter zerbricht. Am 10. Oktober 1956, als Natascha 10 Jahre alt ist, verlässt die Mutter die Wohnung wortlos und bringt sich um.

Ein moderner Roman über das Nichtwissen — politisch, familienbiografisch, psychoanalytisch — der im Internet entstand, mit einem alten Stoff. Ein Roman gegen die historische Dunkelheit und das Totschweigen. Eindrücklich: Das autobiografische Hindurchgehen der Autorin durch die eigene Verstörung. Wechselvolle Genres, gut geschrieben. Interessant: Wie verändert sich das eigene Selbst- und Familienbild, wenn man die Familiengeschichte genau kennt und zuviel erfährt?

 

Zu entdecken: Die Trouvaillen des Zürcher Ink-Press-Verlags von Susanne Schenzle mit der grossen Übersetzerin & Herausgeberin Viktoria Dimitrova Popova.

Elada Pinjo und die Zeit
Kerana Angelova, Bulgarien, 2017, 242 Seiten (Debut 2003)

Pinjo, die Neugeborene, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Flucht durch das Strandza-Gebirge von ihrer Mutter im Wald zurückgelassen. Von einer Hirschkuh gestillt und umsorgt, findet sie die junge Nomadin Chrisula und drückt sie an ihren kräuterduftenden Busen. Fortan wächst Pinjo in der Hirtengemeinschaft auf. Pinjo und Chrisula verlassen die Sippe. In Edirne geben ihnen ein Glasbläser und seine wasserköpfige Tochter ein Zuhause. Die Stadt Erdine — die heute in der Türkei liegt und während der Balkankriege zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei wechselte — ist zu diesem Zeitpunkt multiethnisch, multireligiös und vielsprachig. In einer poetischen und bildhaften Sprache wird die schillernde Komplexität des Lebens als Bewegung mit und zwischen den Sprachen entfaltet; vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse auf dem Balkan kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Eine magische Welt: Die Menschen sind ein Teil der Natur im Werden und Vergehen, die märchenhafte Erzählung führt uns zurück zu unserem namenlosen Anfang. Grandios.

Die Buchgestaltung ist bemerkenswert. Gut und schön: Titelbild, Grafik/Typografie, Papierwahl & Veredelung. Erfischend anders.

 

Alkohol
Kalin Terzijski, Bulgarien, 432 Seiten, 2015 (Debut)

Kalin Terzijski tritt gleichzeitig als Autor, Held und Adressat des Textes in Erscheinung und schöpft aus dem autobiografischen Erleben extremer Seelenzustände. Philosophische Essays wechseln mit Kurznovellen ab, persönliche Notizen werden mit Lexikoneinträgen vermischt. Terzijski arbeitete selbst vier Jahre lang als Psychiater in einer bulgarischen Klinik und wurde alkoholkrank. Der Arztlohn reichte nicht einmal, um mit dem ÖV zur Arbeit zu fahren. Erstarrung einer Generation. Je tiefer Kalin in die Spiralen der Alkohol-Abhängigkeits-Finsternis gerät, desto mehr reflektiert er seine Situation, desto genauer ermittelt er seinen Abstieg. Kühl und sachlich beschreibt er seinen Alltag als Alkoholiker, der als Augenöffner die eisgekühlte Flasche Schnaps ansetzt, um den Tag zu beginnen. Der Schnaps mache ihn «scharfsinnig, ja gleichsam weich». Das Trinken ist für Terzijski allerdings nicht nur eine Technologie des Selbst, sondern verwandelt sich auch in flüssige Inspiration. «Der Rausch ist der einzige Zustand im Leben, der sich lohnt.» Und er hilft Kalin, sich von der Diktatur der Angepassten zu befreien. Trinken wie Leben, Trinken wie Tod: Augenzwinkernd und selbstironisch erzählt er von der prekären Existenz eines Trinkers und wie er es schafft, trocken zu werden. «Ich hatte Lust, jemandem von meiner Einsicht zu erzählen, dass nicht eigentlich ich, sondern meine ganze bulgarische Generation gescheitert war und dass sich nun ihre Überreste aufrichten mussten. Und von null beginnen. Wenn sie es konnten. Ich konnte es.» Ein beeindruckendes literarisches Experiment.

Der grosse Augenblick
Clarice Lispector, (1920–1977), Ukraine/Brasilien, 1977, 118 Seiten, ein Literatur-Klassiker

Die kindlich ältliche Macabéa schlägt sich in der rauen Hafengegend in Rio de Janiro durch. Niemand hat das hässliche Mädchen gern. Macabéa besitzt jedoch eine grosse innere Freiheit, sie weiss nicht, wie unglücklich sie sein müsste. Der Leidensweg dieser wunschlosen «Jungfrau» mit einem ereignis-losen Leben endet im Kapitel «Unauffälliger Abgang durch die Hintertür». Macabéas «unauffälliger Abgang» ist auffällig: Nachdem ihr eine Kartenlegerin einen dunkelblonden Fremden namens Hans als Herzensprinzen angesagt hat, tritt sie mit ihrer ganzen Kraftanstrengung des Glücks auf die Strasse und wird von einem «gelben Mercedes, riesig wie ein Ozeandampfer», zu Tode gefahren. Clarice Lispector hat eine Écriture brute. Innovativ geht sie mit Brüchen, Fehlern, Wiederholungen, Regel-verstössen um. Sie hat eine sperrige Sprache, unzusammenhängende Handlungen, unfertige Figuren. Einen ganz unverwechselbaren Stil.

 

Der Meister und Margarita
Michail A. Bulgakow, (1891–1940), Sowjetunion, 1997 (1977), 528 Seiten, ein Literatur-Klassiker

Ein aktueller Grosstadtroman, mystisch und satirisch, in dem der Teufel das Moskau der Dreissigerjahre durcheinanderwirbelt. Höchstpersönlich lädt der Teufel zum Satansball und schwarzer Magie. Er kündigt das Ereignis unkonventionell an und die braven Bürger der Stadt folgen ihm massenhaft. Fast alle haben etwas zu verbergen und durch diese Abgründe werden sie leicht verführt und willige Opfer. Vom Bürokraten zum Kleinbürger, von den Theaterleuten zu den Literaten, alle sind korrupt und opportunistisch. Nur zwei Menschen werden vom Teufel nicht vorgeführt: Meister und Margarita. Er hat einen aussergewöhnlichen Roman verfasst und flüchtet vor Zensur und Kritikern in die Irrenanstalt. Sie — seine exzentrische Geliebte — langweilt sich zu Tode in ihrem diktierten feinen Ehefrauenschicksal und will damit brechen und ihren Geliebten retten. Margarita lässt sich mit dem Teufel auf einen Pakt ein. Buglakow befreit die Vorstellungskraft und setzt die Fantasie als letzte Waffe gegen eine komplett ideologisierte, politische, sinnentleerte, heuchlerische und gierige Gesellschaft ein. Das Spiel des Teufels mit der Wahrheit ist nicht destruktiv, es weckt den Freiheitssinn. Subversiv und klug. Satirische Alltagszenen, der Roman im Roman in poetischer Sprache sowie die abenteurlichen Szenen der Walpurgisnacht: Drei komplett unterschiedliche Stile, die dieses Buch zum Schillern bringen. Es ist leicht zu lesen, ein Rausch mit grossem Spass.

 

Veranstaltungshinweise:

Welt-Uraufführung vom Theater Neumarkt, Zürich: «Das Leben des Vernon Subutex», von Virginie Despentes. In einer Fassung von Inga Schonlau und Peter Kastenmüller. Premiere am 26. Januar 2019, 19h. → Weitere Vorstellungen & Tickets

Lesung im Helsinki-Klub, Zürich: «Alkohol», Kalin Terzijski, 5. Februar 2019, 20h. Der Bulgare versteht seine Auftritte als Konzert. Nun kommt er nach Zürich. Zusammen mit der Übersetzerin Viktoria Dimitrova Popova.

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