Fantoche 2026 | 24. Internationales Festival für Animationsfilm Baden/CH | 1.–6. September 2026. Zehn Animationsfilme, die mich begeistern:
«Decorado» von Alberto Vázquez – Langfilm
Eine bitterböse Allegorie über unsere Zeit. Der Hauptprotagonist Arnold – eine Maus im mittleren Alter – ist seit Jahren arbeitslos. Er soll jeden Tag ALMA-Stimmungsaufheller schlucken, die er eines Tages absetzt. Seine Frau Maria ist eine talentierte Illustratorin, die mit ihrer Kunst beide ernährt. Sie hat eine Schaffenskrise – darunter leidet ihr Selbstvertrauen – und sorgt sich um ihre Beziehung. Eine Depressionsfeelibelle umgarnt Maria als Freundin und und verstärkt ihre Unsicherheiten. Oft denkt Arnold, dass die Welt eine Inszenierung ist. Eine Scheinwelt (Decorado bedeutet Theaterkulisse). Die Bewohner:innen werden durch den machthungrigen und grössenwahnsinnigen Unternehmer Gregory des seelenlosen Mega-Konzerns ALMA (Almighty Limitless Megacorporative Agency) komplett kontrolliert, manipuliert und überwacht. «ALMA» bedeutet im Spanischen Seele. Es geht um Wirtschaftskrisen, Beschäftigungskrisen, existenzielle Krisen, Beziehungskrisen sowie um die oberflächlichen Beziehungen in der heutigen Welt. Arnold und sein Freund Ramiro versuchen, aus diesem überwachungskapitalistischen Konstrukt zu entfliehen. An jeder Ecke gibt es Spione. Alles ist Fake. Der einzige Ausweg aus der Stadt – respektive aus dem Bühnenbild – führt durch einen Wald, in dem jeder, der es wagt, mit dem Tod bezahlt … Eine hyperrealistische Fabel als Autorenfilm, im Stil einer schwarzen Komödie und ein psychologischer Horror-Thriller. Ausdrucksstark-grandios auf allen Ebenen. Mit tollen Stimmen von Asier Hormaza und Aintzane Gamiz. Es ist der dritte Langfilm des spanischen Comic-Zeichners und Animationsfilmemachers. Vier Jahre Arbeit. Den Farben kommt eine besondere Rolle zu, sie sind erzählerisch und symbolisch gehalten und verzichten auf das Naturalistische. Der Film basiert auf Vázquez‘ Goya-prämiertem Kurzfilm.
Alberto Vázquez besticht durch aussergewöhnliche Autorenfilme:
© «Unicorn Wars», 83′, 16+, ES/FR 2022, Alberto Vázquez → Blog lesen
© «Pisconautas», 75′, 14+, ES 2015, Pedro Rivero, Alberto Vázquez: → Blog lesen

© «Decorado», 95’, 16+, ES/PR 2026, Alberto Vázquez, 2D → Video



«We Are Aliens» von Kōhei Kadowaki – Debut-Langfilm
Tsubasa ist ein gewöhnlicher und ruhiger Junge, der Kontaktschwierigkeiten hat. Gyotaro ein extrovertiertes Wunderkind. Die ungleichen Jungen freunden sich an und werden unzertrennlich. Ein unerwartetes Ereignis an der Schule treibt einen Keil zwischen die beiden und erschüttert die soziale Hierarchie in der Schule. Missverständnisse, Eifersucht, böse Streiche und Lügen führen zum kompletten Bruch. Auf tiefgreifende Weise prägen diese Umbrüche beide Jungen durch die Jugendjahre hindurch bis weit ins Erwachsenenalter. Gyotaro stürzt ab, wird zum Aussenseiter und vereinsamt. Tsubasa wird zum aufgeblasenen Jungerfolgreichen mit vielen Freunden. Jahre später begegnen sich beide wieder und die Vergangenheit holt sie ein. Jeder muss eine Entscheidung fällen. Es ist eine vielschichtige Geschichte über Freundschaft und das Sich-Auseinanderleben sowie über die Auswirkungen von Grausamkeit in der Kindheit. Die Sichtweisen von Tsubasa, Gyotaro und einem Mädchen werden dargestellt, Erinnerungslücken geschlossen und andere Perspektiven auf die quälenden Geschehnisse geboten. Es geht auch darum, wie eine prägende Vergangenheit – die verlorene Unschuld – bewältigt und im Erwachsenenleben abgeschlossen werden kann. Mit starken Figuren und vielen Perspektiven- und Zeitebenenwechseln ist dieser Animationsfilm ein aussergewöhnliches Debut-Juwel und viel mehr als ein Coming-of-Age-Drama. Meisterhaft gezeichnet, erzählt und lebensecht animiert (Rotoskopie, handgezeichnete 2D-Animation).

© «We Are Aliens», 117’, 12+, JP/FR 2026, Kōhei Kadowaki → Video

«Le Mystère de Lucy Lost» von Olivier Clert – Debut-Langfilm
Ein fantastisch schöner Film mit emotionaler Kraft. Die geheimnisvolle Lucy ist anders als alle Kinder. Nach einem mysteriösen Unfall kann sich Lucy an nichts erinnern und hat weisse Haare. Sie spricht mit Geistern. Die Familie versucht, sie von dem Dorf und den andern Kindern abzuschirmen. Gerne möchte sie wie ihr grosser Bruder Alfie wieder zur Schule gehen. Schon bald wird Lucy als Bedrohung wahrgenommen und als Hexe beschimpft. Alles Unglück im Dorf wird auf Lucy abgewälzt. Wir befinden uns auf der kleinen britischen Fischerinsel Scilly (Cornwall) inmitten des Ersten Weltkriegs. Regelmässig donnern Kampfflugzeuge über die Insel und die Inselbewohner:innen bangen oder trauern um ihre Menschen, die im Krieg sind oder die sie verloren haben. Lucy wird immer öfter von Milly besucht, einem US-amerikanischen Mädchen, das weltgewandt ist und das nur Lucy sehen kann. Eine magische Reise beginnt: Milly hilft Lucy über die Einsamkeit hinweg, lehrt sie reiten und Klavierspielen und steht ihr immer zur Seite beim Ergründen ihrer einzigartigen Fähigkeiten. Sie ist für jedes Abenteuer zu haben. Lucy hat in der Schule Visionen, ein Soldat überreicht ihr eine Münze, drückt ihr einen Kuss auf die Stirn und verabschiedet sich von ihr. Lucy ahnt, dass ihre Eltern etwas vor ihr verheimlichen. Als sie dem Geheimnis auf die Spur kommt, eskaliert es im Dorf. Die Dorfbewohner wollen die Hexe weghaben. Die Familie und der Bruder können Lucy nicht schützen. Bald wechseln die Perspektiven und wir befinden uns im echten Leben von Milly auf einem Kreuzfahrtschiff inmitten des Krieges. Tragische und traumatische Ereignisse überlagern sich und Lucy wird zum Geist, den jetzt nur Milly sehen kann. Raffiniert wird zwischen zwei Geschichten die Perspektive gewechselt. Es ist ein Auffinden von verschwundenen Personen, ein existenzieller Überlebenskampf nach einem Unglück und das Verarbeiten von traumatischen Kriegserlebnissen aus der Perspektive der Mädchen. Lucy findet einen Weg, die Geschehnisse anzunehmen und ihren Bestimmungsort und ihre Wahlfamilie zu finden. Der Film ist wunderschön handgezeichnet und 2D-animiert und changiert zwischen pittoresker Idylle und Kriegsschrecken. Die Charaktere sind von den japanischen Animés inspiriert und ausdrucksstark wie wir das von Ghibli-Filmen lieben. Obwohl die Geschichte komplex ist, zeigt sie einen spannenden Zugang, wie historische Geschichte eindringlich erzählt und verarbeitet werden kann. Es geht um Freundschaft und Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Zugehörigkeit, Identitätssuche und Trauerbewältigung. Und es zeigt eindrücklich-positiv wie Vorurteile, Diskriminierung und Kriegstraumata überwunden werden können. Der Film basiert auf dem Roman «Listen to the Moon» von Michael Morpurgos (2014).
© «Le Mystère de Lucy Lost», 89’, 10+, FR 2025, Oliver Clert → Video


«Dandelion’s Odyssey» von Momoko Seto – Debut-Langfilm
Es ist ein Kunstfilm, der ohne Worte auskommt und nur von dem Sog der animierten Realbilder der Natur, so wie sie vor uns liegt, eine surreal-faszinierende Bilderzählung schafft. Die Dimensionen werden verschoben durch die Zeitraffer, die eine Natur mit einem fremden Anblick zeigen. Die Hauptcharaktere sind vier weisse Schirmchen, sogenannte Flugsamen der Löwenzahn-Pusteblume. Der Film beginnt mit einer nuklearen Explosion der Erde. Die vier Schirmchen werden bei der Zerstörung in den Weltraum geschleudert und landen auf einem fremden Planeten. Dort begeben sie sich tanzend und schwebend auf die Suche nach einer neuen Heimat im Kosmos, wo sie ihre Samen in guten Boden setzen können und sie so wiederbeleben. Es beginnt eine poetische und bedrohliche Reise durch die wilde Natur. Kaulquappen werden zu fliegenden Ausserirdischen. Spektakuläre Eislandschaften überqueren sie Schlittschuh laufend, da ihre Samen abprallen und nicht Fuss fassen können. Weinbergschnecken übernehmen eine Transportfunktion, um kochende Sumpflandschaften zu überwinden oder steile Gebirgsflanken zu besteigen. Unterwegs erleben wir die sinnliche Fortpflanzung verschiedenster Lebewesen als eine Metamorphose und halten in diesem flüchtigen Moment des Friedens inne. Fluoreszierende Pilze tauchen die Landschaft in ein gelbes Licht. Plötzlich schiessen Pilze aus dem Boden und bilden skulpturelle Landschaften. Insekten und Gottesanbeterinnen gehen miteinander ins Gericht. Die Reise der Vier ist eine Odyssee durch Bekanntes und Unbekanntes, die Perspektiven und Farben wechseln kontinuierlich. Mit Musik und Klängen unterlegt, die ein Science-Fiction-Gefühl erzeugen. Nicht alle Schirmchen überstehen die Reise, obwohl sie sich stets unterstützen und aus der Klemme helfen. Die Freude über ein überwundenes Hindernis oder eine Naturgewalt feiern sie in einer freudigen Umarmung und einem kurzen Tanz. Die überlebenden Schirmchen lernen, sich mit der sich entwickelnden Fauna und Flora rundherum auseinanderzusetzen und neue Überlebens- und Zusammenarbeitsstrategien zu entwickeln. Es ist eine emotional packende Liebeserklärung an die Natur und die vielfältigsten Formen & Symbiosen des Lebens.
Die Bildsprache von Momoko Seto setzt eine Vielzahl von Techniken ein: Zeitraffer, Hyper-Zeitlupe, Ultra-Makro, Stackshots (übereinander gestapelte Bilder, die nacheinander animiert werden) und Robotik. 2D-Hintergründe sind wunderschön umgesetzt: so wie die Farben leuchten, so erwacht auch die Pflanzenwelt. Grossartige Filmmusik begleitet die Bilderzählung – von Klassik bis Electronica – und allem, was Spannung und Traurigkeit ausdrückt. Ein fesselndes Kunstwerk, auf das man sich neugierig und mit Kinderaugen einlassen sollte.
© «Dandelion’s Odyssey», 76’, 6+, FR/BE 2025, Momoko Seto → Video

Die folgenden zwei Filme laufen demnächst im Kino in Zürich & Co.:
«Jim Queen» von Nicolas Athané und Marco Nguyen – Debut-Langfilm
Jim Queen alias Jim Parfait ist ein gefeierter Star und Pariser Fitness-Influencer, dem alle zu Füssen liegen. Tag und Nacht arbeitet er an der Perfektionierung seiner Bauchmuskeln. Das Leben von Jim Queen gerät aus den Fugen, als in Paris ein mysteriöses Virus auftaucht und schwule Männer zu Heteros macht. Seine Bauchmuskeln sind am Schwinden, er ist infiziert. Auf einen Schlag wird er zum Aussenseiter und verliert alle Followers. Mit Twink Lucien, seinem einzigen verbliebenen Follower, begibt er sich auf die Suche nach einem Heilmittel. Twink Lucien will nicht nur Jim, sondern die ganze Community retten. Es ist eine bissige Satire mit feuriger Musik, regenbogenfarben und mitreissend. Spektakuläre Shows, Gags und Hemmungslosigkeit nehmen es mit South-Park auf. Die Ausgrenzungsmechanismen, Klischees und Stereotype der schwulen Community werden lustvoll und derb auseinandergenommen. Mit viel Augenzwinkern bringt Jim Queen Glam in den Alltag.
Kino Riffraff 1, ZH: Mi 16.9.2026, 20h30 | So 20.9.2026, 21h00
© «Jim Queen», 85’, 16+, FR/BE 2026, Nicolas Athané, Marco Nguyen → Video

«Forgotten Island» von Joel Crawford und Januel Mercado – Langfilm
Eine unterhaltende Fantasy-Action-Abenteuer-Komödie und ein visuelles Feuerwerk. 1990 auf den Philippinen. Jo und Raissa träumen von der mythischen Insel Nakali. An diesem geheimnisvollen Ort leben magische Wesen, von denen sie schon als Kinder in den Geschichten ihrer philippinischen Familien viel gehört haben. Die beiden besten Freundinnen teilen die Höhen und Tiefen in ihrem Alltag und sind Seelenverwandte. Am Ende ihrer Highschool-Zeit stehen grundlegende Veränderung an. Eine der Freundinnen will nach New York ziehen und studieren. Vor dem gemeinsamen Abschied verbringen die beiden eine letzte Nacht zusammen und entdecken ein Portal, das sie auf die geheimnisvolle Insel Nakali bringt. Sie sind von faszinierenden Fabelwesen umgeben und erleben eine berauschende Nacht, an die sie sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern können. Sie sind gestrandet und begreifen, dass der Weg zurück nach Hause ein ganzes Leben an Erinnerung fordert. So beginnt der irr-verzweifelte Wettlauf um die Bewahrung ihrer Erinnerungen an die gemeinsame Freundschaft. Sie müssen die Insel schnellstmöglich verlassen, bevor sie einander für immer vergessen. Knallbunt, witzig und mit viel ADHS-Energie. Starker Soundtrack & Karaoke. Die Machart ist umwerfend: handgemalte Texturen, eindrückliche Landschaften und Orte. Die Figuren und die Mimik in den Gesichtern sind amüsant überspitzt. Eine Hommage an die philippinischen Wurzeln der Regisseure und die Zeit der 80-/90er-Jahre ohne Social Media und Mobiltelefone.
Filmstart Schweiz: Romandie 30.9.2026. Deutschschweiz 1.10.2026.
© «Forgotten Island», 95’, 10+, US 2026, Joel Crawford, Januel Mercado → Video
© Alle Fotos «Forgotten Island» | © 2026 DreamWorks Animation. All Rights Reserved.
«Junk World» von Takahide Hori – Langfilm
Ein rätselhafter, dystopischer und skurriler Film mit ekligen Figuren. Nicht massentauglich. Ein Stop-Motion-Meisterwerk in einer Welt, in deren Zukunft nur noch wenige Menschen auf der Erde leben werden. Die Menschen schufen Mulligans, künstliche Lebensformen, die als Arbeitskräfte unter der Erdoberfläche dienen. Die Mulligans beginnen sich zu klonen und verselbständigen sich, indem sie ihren eigenen Willen entwickeln und durchsetzen. Die entstandene Klon-Mulligan-Armee rebelliert gegen die Menschheit und führt einen erbitterten Wettkampf um die Vorherrschaft auf der Erde. Der vereinbarte Waffenstillstand droht nach 32 Jahren zu zerbrechen. Eine menschliche Kapitänin verbindet sich mit dem KI-ausgestatteten Roboter Robin und mit Klonen, um eine riskante Mission im Untergrund zu erfüllen. Dabei treffen sie auf einen Sado-Maso-Kult-Clan und kuriose Kreaturen, die hungrig nach Menschenfleisch sind. Der Clan setzt alles daran, Robin und die Kapitänin von ihrem Vorhaben abzuhalten. Kann der Friede zwischen Mulligans und der Menschheit bewahrt werden? Ist das ein fieberhafter Albtraum oder ein Sci-Fi-Abenteuer? In vier Akten und vielen Dialogen. Der Abspann zeigt ein kleines Making-of, wo wir Takahide Hori über die Schultern schauen, wie er die Welten und Figuren kreiert und filmisch inszeniert.
«Junk World», 104’, 16+, JP 2025, Takahide Hori → Video
«Allah n’est pas olbligé» von Zaven Najjar – Langfilm
Westafrika. Konsequent aus der Kinderperspektive erzählt, umgesetzt in anmutigen und kindlichen Bildern, in der fröhlichen und traditionellen afrikanischen Farbigkeit. Damit kontrastiert die Machart mit dem erschütternden Inhalt und der packenden Erzählweise. Es ist wie ein mündlicher Erlebnisbericht mit direkter Ansprache an uns Zuschauer:innen aus der Sicht des 12-jährigen Birahima. Er spricht über Grausamkeiten mit kindlicher Naivität, vermischt mit hartem Überlebenswissen und gespickt mit schwarzem Humor. Eingebettet in eine Road-Movie-Struktur. Der Junge Birahima ist der Hauptprotagonist, seine Schulzeit war kurz. Als Strassenjunge wächst er in Togobala in Guinea auf. Weil seine Mutter plötzlich stirbt, kann seine Grossmutter sich nicht mehr länger um ihn kümmern und schickt ihn zu seiner Tante Mahan nach Liberia. Sie übergibt Birahima in die Obhut des geschäftstüchtigen Betrügers Yacouba. Ihr Reisebus wird unterwegs von Schergen der Warlords überfallen. Um zu überleben wird Birahima zum Kindersoldaten und Yacouba gibt sich als Schamane aus, der schützende Talismane für die Kämpfenden herstellt. Weiterhin sucht Birahima nach seiner Tante, erlebt als Kindersoldat eine blutige Odyssee und wechselt von Warlord zu Warlord in den Bürgerkriegen von Liberia und Sierra Leone. Die Bruderkriege rivalisierender Banden (Warlords) werden von den lokalen Diktatoren unterstützt. Brutale Plünderungen und Massaker sind an der Tagesordnung. Birahima gewinnt Freunde und verliert sie im Kriegsgeschehen. Mit der Zeit verfolgen ihn die Seelen der Verstorbenen, die wegen ihm gestorben sind. Ein aufrüttelndes Kriegsdrama, das auf sentimentale Klischees und plakative Darstellung der schrecklichen Ereignisse verzichtet. Stark.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ahmadou Kourouma (2000), der mit den bedeutenden Literaturpreisen Prix Renaudot und Prix Goncourt des Lycéens in Frankreich ausgezeichnet wurde.
© «Allah n’est pas olbligé», 80’, 16+, BE/CA/FR/LU 2026, Zaven Najjar → Video
«Son of a Bitch» von Erica Maradona, Otto Guerra, Sávio Leite, Tania Anaya – Langfilm
Drama, Komödie, Surrealismus: Ismael hat den Rufnamen «Hurensohn», Beleidigung und Urteil zugleich. Seine Mutter Maria betreibt das Bordell «Casa Rosa» im Ort und wird geächtet. Die geografische Lage des Ortes in der Pampa und die Gerüchte und Geschichten über ihn und seine Mutter treiben ihn in die Enge und zugleich an, fortzugehen. Eines Tages hat «Son of a Bitch» den Mut und bricht auf mit dem Ziel, seinen Vater zu finden und das Meer zu sehen. Begleitet vom dreibeinigen Hund «Bacalhau» und dem Buch «Moby Dick», das mit einer Widmung von seinem unbekannten Vater versehen ist. Es ist ein Roadmovie zu Fuss. Langsam. Beschwerlich. Der Sertão ist eine riesige, halbwüstenartige Trockenregion im Nordosten von Brasilien. «O Filho da Puta» ist schlecht vorbereitet und hat kaum Geld in der Tasche. Der berühmteste Wal der Literaturgeschichte – Moby Dick – führt durch den ganzen Film als roter Faden. Ismaels Gedanken und Träume werden vom weissen Riesen heimgesucht. Das Farbkonzept von Son of a Bitch ist minimalistisch, meist in Schwarz-Rot und einer holzschnittartigen Ästhetik. Die künstlerische Gestaltung beeindruckt: roh, expressiv und manchmal aggressiv-schmutzig. Die Sprache ist derb, hart, witzig. Der Film hat eine stimmige Geschichte, es geht um Menschen, Kompromisse, Verletzungen, Komik, Zärtlichkeit und Chaos. Der Hurensohn ist ein starker Held, die Frauen der Casa Rosa werden nicht als Stereotype dargestellt. Der Hund bildet einen frech-frischen Gegenpol zu Ismael und die Dialoge sind Pralinen. Ein Autorenfilm weit weg vom kommerziellen Massengeschmack.
© «Son of a Bitch», 72’, 18+, BR 2026, Erica Maradona, Otto Guerra, Sávio Leite, Tania Anaya → Video
«Angel’s Egg» – restaurierte Version, von Mamoru Oshii – Kult-Langfilm
Überwältigend schön. Rätselhaft und symbolisch-surreal. Ein einsames Mädchen mit weiss-wallender Haarpracht hält ein grosses Ei und behütet es wie einen grossen Schatz. Sie lebt als einzige in dieser verlassenen Stadt. Die Gebäude sind verfallen. Strassenlaternen und Brunnen funktionieren. Ein mysteriöser Junge steigt aus einer gotischen Raumschiffkathedrale, mit einer futuristischen Waffe auf dem Rücken. Der Schauplatz ist eine postapokalyptische Welt, die desolat und zugleich wunderschön ist. Die Atmosphäre ist erdrückend-trostlos und melancholisch. Das Ei steht für Hoffnung und Zukunft. Vielleicht für Erinnerung. Fischer ohne Köpfe jagen mit Harpunen grosse, schwarze, schwebend-schwimmende Fischschatten an den Fassaden oder auf den Strassen der verlassenen Stadt, als ob es das Meer wäre. Das Mädchen füllt eine Wasserflasche mit Wasser, wie ein Ritual und trinkt durstig. Die immergleichen Flaschen finden sich in grosser Zahl in ihrem geheimnisvollen Unterschlupf, als ob sie bei jeder Rückkehr eine Flasche hinzufügte. Der Junge nimmt dem Mädchen kurz das Ei weg und warnt es, immer sehr genau darauf aufzupassen. Das Mädchen fragt: Wer bist du? Eine Antwort gibt es nicht. Christliche Themen und Symbole tauchen immer wieder auf. In den wenigen Dialogen ist die Rede von träumenden Vögeln und von Bäumen, die der Erde die Kraft entziehen und von Engeln. Es beginnt zu regnen. Sintflutartig. Der Junge erzählt die Bibelgeschichte der Arche Noah. Immer wieder fragt der Junge das Mädchen, was sich im Ei befindet. Er möchte das Ei zerbrechen. Später zerschlägt der Junge das Ei während das Mädchen schläft. Sie jagt ihm hinterher und fällt in ein Gewässer, wo sich ihr letzter Atemzug an der Wasseroberfläche in eine grosse Anzahl Eier verwandelt …
Ein meditativ-aussergewöhnlicher Animé. Fast keine Dialoge. Monochrom. Grossartige Musik. Atypisch in jeder Hinsicht. Filigran-verletzlich gezeichnet. Der Wind in den Haaren des Mädchens und wie die Haare animiert werden, teilweise jedes einzelne Haar, sind etwas vom Poetischsten. In diesem Film geht es um das persönliche Erleben. Nicht um Deutung und Bedeutung. Ein Kunstwerk, das ich nie mehr vergessen werde.
© «Angel’s Egg» – restaurierte Version, 71’, 12+, JP 1985, Mamoru Oshii → Video
Bildquellennachweis: Alle Bilder sind von der Fantoche-Medienstelle: © Bilder bei den Künstler:innen, Autor:innen, Produktionsstudios | Ausnahme: Bilder «Forgotten Island» © 2026 DreamWorks Animation. All rights Reserved. | Sämtliche Bilder dürfen nicht von Dritten verwendet werden.
© Texte von Irene Jost


