Meine Literaturempfehlungen 2025

# Zufälle

Meine literarischen Entdeckungen 2025.
Die Kunst des Erzählens, in acht literarisch unvergleichlichen Büchern. Ein wilder Ritt von starken Figuren. Ein Briefwechsel zwischen zwei Fremden enthüllt die Traum- und Seelenwelt. Gut gehütete Geheimnisse mit Lebenslügen werden in beunruhigenden Sätzen in uns eingebrannt. Wir erleben den Sozialismus und das Scheitern. Das Aufstehen nach Fehlern und die Befreiung. Wir tauchen tief in die Welt eines Partisanen ein und erleben, was der Kampf um Alles und sich selbst heisst. Was passiert mit dem Verlust der Sprache, bleibt etwas und wie erinnern wir uns? Was ist grösser als der unerforschte Ozean und seine Lebewesen und was ist der Zauber des Spiels in Zeiten von KI und Social Media? Was verbindet die Abenteuerromane von Karl May mit den Krisen Europas über 100 Jahre bis heute mit der Pop-Kultur der Leinwand?

 

Franziska Linkerhand
Brigitte Reimann, Deutschland, 1974 (zensiert) | 2023 (letzte Fassung, unzensiert), 639 Seiten

Franziska ist jung, schillernd, unbeugsam, passioniert und engagiert. Sie will etwas bewirken. Erleben und leben. Nach ihrer Scheidung ist sie wieder unabhängig und will wissen wie das ist, fortgehen unds ich nicht mehr umdrehen. Der rote Faden: die Auseinandersetzung zwischen Privatem und Öffentlichem, die Kulturpolitik der DDR, die Architektur und die unterschiedlichen Temperamente der drei Hauptfiguren. Schafheutlin, der trocken-schulmeisterhafte Opportunist und Pragmatiker; Jazwauk, der schöne hedonistische Lebemann und der distanziert-resignierte Ben Trojanowicz. Franziska verzichtet auf eine glänzende Karriere bei einem Stararchitekten. Sie will frei sein, zieht das Risiko vor und begibt sich in den wilden Osten für den Aufbau von Neustadt inmitten des Kohleabbaugebiets. Neustadt ist Wirkungsort, hier wird eine neue Grossstadt mit einer neuen Gesellschaft geplant und verwirklicht. Mit vorgefertigten Bauplatten-Elementen, auf öden Sandböden errichtet; so gesehen eine Bankrotterklärung der Architektur. Nichtsdestotrotz fühlt sich Franziska berauscht vom Verlangen, Häuser zu bauen, die ihren Bewohner:innen das Gefühl von Freiheit und Würde geben und sich in einer Männerwelt zu behaupten. Franziska treibt an, wie weit die Gesellschaft, die Gesetzgebung, die Erwartung der anderen, der Vorgesetzten in das eigene Leben hineinreichen dürfen. Sie akzeptiert die Rahmenbedingungen der sozialistischen Arbeiterstadt nicht und träumt von einer besseren Welt und dem kulturellen Stadtzentrum von Neustadt. Sie scheitert. Immer wieder. Im Beruf. In der Liebe.

Ein unbändig freies Buch in allen Dimensionen. Experimentell und poetisch aus vielen wechselnden Perspektiven erzählt. Von der Franziska-Ich-Perspektive zur persönlichen Stimme, zu inneren Monologen – reflektierend und träumend. Idealisierende Anrufe an den Geliebten Ben. Mit erfundenen Adressaten und changierenden Blickpunkten zu Personen, Figuren, Märchensituationen kommt es wie ein langer schwebender Brief daher mit Erinnerungen, Assoziationen und dem Inneren von Franziska, dem sie sich furchtlos stellt. Sie versteht es, sich und ihr Leben auf ihre eigene Weise zu verwirklichen.

Ein existenzielles Buch vom Aufbruchwillen und den offen geschilderten Zuständen um die Zeit von 1945 bis 1960. Figuren und Buch zum Verlieben und mehrmals lesen.

 

Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)
Vitomil Zupan, Slowenien, 1975; 2021 grossartig ins Deutsche übersetzt von Erwin Köstler, 597 Seiten

Ein Ereignis. Unzählige Melodie- und Liedfetzen tauchen immer wieder im Roman auf und komponieren mit einem Feuerwerk an Farben und Bildern wortgewaltig. Das Menuett für Gitarre ist titelgebend und ertönt vor dem inneren Ohr des Romanhelden Jakob Bergant-Berk, als sein bester Freund Anton stirbt. Oktober 1943 flieht Jakob Bergant-Berk als junger Bohemien aus einem  italienischen Konzentrationslager und schliesst sich den slowenischen Partisanen an, um gegen die italienischen und deutschen Besatzer zu kämpfen.

Jakob ist im Widerstand ein Fremdkörper, ein ehemaliger Linker, der nützliche unnütze Idiot. Wir befinden uns inmitten der inneren und äusseren Kämpfe dieses Partisans. Mit seinem subjektiven und radikalen Blick mittendrin in Schlachten, die in den Wäldern, Bergen und im Kopf des Helden toben. Hinterhalte, Fluchten, Gemetzel. Die eindringliche Schilderung der physischen und psychischen Strapazen. Endloses Laufen und Hungern. Gute Schuhe entscheiden über Leben und Tod. Unübersichtliche historische Konstellationen und ideologische Verflechtungen. Wütende Hoffnung, Männerfreundschaften, animalische Begierde. Materialtrümmer und Gedankenfetzen. Jakob, ein Held, der das Fürchten lernt und dem alles Heroische ausgetrieben wird. Ein Kampf gegen die Deutschen und alles Andere. Ein Überlebenskampf.

In einer zweiten Erzählebene trifft der Einzelgänger Jakob dreissig Jahre später als Tourist in Mallorca auf einen ehemaligen deutschen Wehrmachtssoldaten, Joseph Bitter. Sie freunden sich an. Es stellt sich heraus, dass sie sich damals als Feinde mit Gewehr hätten gegenüberstehen können. Sie überlegen gemeinsam, was eigentlich war.

Diese anarchistische Erzählweise ist neu. Ein Antikriegsroman, ein Diskurs über den Krieg und den Menschen im Krieg. Geschrieben in reflektierenden Passagen und mit unmittelbaren Beobachtungen,  eingestreuten Erinnerungen an Erlebtes und Gelesenes oder eingeworfene Gespräche. Es gibt häufige Zeitenwechsel, mitten im Absatz, die mit dem Wechsel der Erzählperspektive einhergehen. Alles in einem Mix aus Volksliedern, Jargon und Dialekt.

 

Das grosse Spiel
Richard Powers, USA, 2024, 509 Seiten, deutsche Übersetzung von Eva Bonné

4 Figuren stehen im Zentrum, ihre Geschichten sind virtuos miteinander verwoben. Evelyne Beaulieu ist die erste Meeresforscherin. Mutig und leidenschaftlich. Ihre vielen Tauchgänge sind leuchtende Bilder der Unterwasserwelt. Wir tauchen mit. Atemberaubend. Die Biologin lebt mit über 80 Jahren auf der Pazifikinsel Makatea. Im Mittelpunkt steht Todd Kean. Er berichtet als Ich- Erzähler über seine erfolgreiche Karriere als visionärer Computer-Nerd und Erfinder einer App-Spielplattform (Social-Media wie die Zuckerbergs & Co.), die mit ihrem pervertierten Wettbewerbsgedanken und ihrer Hasskultur Menschen süchtig macht und Todd zum Techmilliardär. Er glaubt unverwandt-naiv an die freie Meinungsäusserung der Nutzer:innen und die Neutralität seiner Platt-form. Als Kind hat er das Buch seines Idols – der Biologin Evelyne Beaulieu – gelesen und will Ozeanograf werden. Am Ende erschafft der alternde Todd eine KI, die sein Leben eigenhändig fort-schreibt, als ihn eine Demenz in Körper und Kopf auflöst. Ina Aroita ist Künstlerin und lebt auf dem Pazifik-Inselparadies Makatea. Für ihre Skulpturen sucht sie nach Materialien an den Stränden und findet angeschwemmten Plastikmüll. Rafi Young ist der schwarze Sohn einer Busfahrerin, der dank eines Stipendiums von Todds Vater an der Universität studieren kann. Mit ihm erleben wir strukturellen Rassismus. Er muss sich in allem dreimal mehr beweisen und hat den Ehrgeiz, den besten aller Masterabschlüsse der Universität zu schreiben. Todd und Rafi sind Studentenfreunde, die wir über Jahrzehnte begleiten. In ihrer Jugend fordern sie sich in Spielen heraus. Erst Schach, dann das 3000 Jahre alte Brettspiel GO. In einem Streit wirft Rafi Todd an den Kopf: «Du warst ein ganzes Leben lang mein Sozialarbeiter.» Das zeigt den unüberwindbaren Riss zwischen diesen Figuren. Rafi liest viel, ist verträumt und vielseitig talentiert. Unterdessen lebt er als Lehrer auf Makatea und ist mit Ina zusammen. Ina, Rafi und Todd waren in jungen Jahren eine Dreierbande. Todd Kean plant mit seinem letzten Investitionsprojekt der Floating Cities eine neue Welt für Risikokapitalisten auf der Südseeinsel Makatea. KI spielt auch hier eine Rolle. Hier führen die 4 Stränge zusammen.

Wir erleben ein unglaubliches Schauspiel von einem Tintenfisch als episches Gedicht aus Lichtshow, Tonfolgen, Farbakkorden und Tanz. Die Tiefsee und ihre unbekannten Lebewesen überstrahlen den vielschichtigen Roman immer wieder.

Richard Powers schafft einen grossen Bogen, der alles verbindet. In der Natur ist auch alles verbunden. Von der brutalen Leistungsgesellschaft über Politik, Oekologie, Ozeanologie, Klimawandel zu strukturellem Rassismus. Gut recherchiert, fundiertes Wissen. Klug. Aktivistisch-journalistisch geschrieben.

Ebenso empfehlenswert: «Der Klang der Zeit».

 

Austral
Carlos Fonseca, Costa Rica, 2024, 192 Seiten, übersetzt von Sabine Giersberg

Es beginnt mit einer Postkarte mit der Fotografie «Élevage de Poussière» von Man Ray (1922). Für den puertoricanischen Literaturprofessor Julio Gambo, der seit Jahren in den USA lebt, sieht das Bild aus wie eine riesige Wüste, eine Salzfläche mit markierten Transportwegen, es erinnert ihn an die Oberfläche des Mondes mit seinen Kratern. Auf der Rückseite ist der Werkname durchgestrichen und «Humahuaca, Argentinien» hingeschrieben. Im Brief zur Postkarte bittet ihn die fremde Unterzeichnerin Olivia Walesi, ein Manuskript der verstorbenen Autorin Aliza Abravanel herauszubringen. Dazu lädt sie ihn an ihren Wohnort in die Künstlerkolonie Humahuaca im nordwestlichen Gebirge Argentiniens ein. Hier erfährt er, dass Aliza die «Stumme» genannt wurde. Durch eine Krankheit hat sie die Wörter verloren und das Manuskript «Die Privatsprache» war ihr Vermächtnis sowie biografischer Schlüssel zu einer unglaublichen Chronik. Mit 23 Jahren wurde Alizas Vater vom Anthropologen Karl-Heinz von Mühlefeld gerufen. Hier erfuhr er von dessen Reisen in die Siedlerkolonie von «Nueva Germania», einer paraguayanischen Ebene, wo weisse Menschen Guaraní und Indigene Deutsch sprachen. Es ist die gescheiterte Geschichte der Kolonie von Elisabeth Förster-Nietzsche und ihres arischen Traums. Sie ist die Schwester von Friedrich Nietzsche. Ein anderes Kapitel, wie sie ihre Obhut über Nietzsche missbrauchte. Davon lesen wir auch.

Dieses Zitat ist der Schlüssel des Romans: «Das Theater einer Stimme im Kampf gegen die Geschichte, das Schweigen einer Sprache im Kampf gegen das Vergessen.» Karl Heinz von Mühlefeld beschäftigte dieses Thema der Stimme von Juvenal Suàrez, die er auf Tonband aufgezeichnet hat. Suàrez ist der letzte Mensch des Nataibo-Stammes. Ein einsamer Hüter einer Sprache, die niemand ausser ihm versteht. Mühlefeld setzt sich damit auseinander, was zurückbleibt von einer Kultur in die andere, wenn niemand mehr da ist, um sich daran zu erinnern. Als Kind tauchte Aliza heimlich in die Tagebücher des Vaters ein und las alles. Mit dem Verlust ihrer Sprache entsteht das «Lexikon des Verlustes», das die identische Kehrseite von «einer Privatsprache ist», womit sich ihr Vater mit Mühlefelds Vermächtnis obsessiv beschäftigte. Julio versucht, Alizas Manuskript zu enträtseln und folgt den Spuren von Humahuaca über Cincinnati nach Amajchel. Amajchel liegt in Guatemala, hier wurde 1982 ein Genozid verübt und ein Dorf fast komplett ausgelöscht. Juan de Paz hat hier ein Theater der Erinnerungen gebaut. Eine Architektur und Szenografie wie auf einer Bühne, wo Stimmen sich überlagern und so die Geschichten der Bewohner:innen lebendig machen. Fotos, Gegenstände, Gefässe. Mächtiger und realer als die Realität. Ein Mausoleum, wo die Geheimnisse einer Vergangenheit voller Ungerechtigkeiten begraben werden konnten. Was die Verbindung von diesem Ort zu Aliza und Julio ist, wird nicht verraten.

Es geht in diesem Roman um die Erkundung der unsichtbaren Grenzen, an der die Fiktion hinter der Erinnerung verschwimmt. Interessant erzählt als eine Collage von Geschichten, ohne lineare Führung. Es geht auch darum, wie es ist, wenn jemand wie Julio so lange ausserhalb seiner Wurzeln lebt, sich als Tourist im eigenen Land fühlt und glaubt, seine Muttersprache zu verlieren. Anregende Gedanken zu Utopien und Dystopien. Von Geschichte zu Ethnologie. Von Philosophie über Kultur zur Sprache.

 

Die Projektoren
Clemens Meyer, Deutschland, 2024, 1042 Seiten

Wuchtiger Roman. Im Zentrum steht Jugoslawien. Skurril. Tiefschwarzer Humor. Der Western zieht sich wie eine Metapher durch den ganzen Roman. Die Hauptfigur ist der Cowboy, der alles durchlebt. Vom deutschen Überfall auf Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg und vom Bürgerkrieg in Jugoslawien, wo alte und neue Rechnungen beglichen werden bis in die Gegenwart. Als Junge wächst er in Belgrad auf, sein Vater bringt ihm die Literatur und Filme näher. Eine Leidenschaft, die sie beide teilen. Als Kind schnitzt er einen Handquirl aus Holz, den er seiner Mutter zum Geburtstag schenken will. Dazu kommt es nicht mehr, eine Bombe der Deutschen kracht auf das Elternhaus, er sieht seine Mutter sterben. Der Junge kriecht als einziger Überlebender aus den Trümmern hervor und wird Waise. Er flüchtet und wird Meldegänger bei den Partisanen von Tito. Der Holzquirl ist sein Talisman und Notizheft, er trägt ihn ein Leben lang auf sich. Nach dem Krieg wird er ins kroatische Velebit-Gebirge verbannt und im Talkessel des Tulove Grede vor einem zerfallenen Haus bei einem Schäfer abgesetzt. Hier erhält er den Namen Cowboy. Er trägt immer ein kariertes Halstuch, um eine Narbe am Hals zu verbergen.

In den 60er-Jahren werden im Velebit-Gebirge die abenteuerlichen Karl May Western von Winnetou und Old Shatterhand als deutsch-jugoslawische Koproduktionen gedreht. Die Gegenwelt zu den Kriegen. Hier stehen die Komparsen, die in realen Kriegen gedient haben, vor der Kamera und verdienen gutes Geld. Der Unterschied: sie stehen nach den Schüssen wieder auf und klopfen sich auf die Schultern. Auch Cowboy spielt eine Nebenrolle und dolmetscht auf dem Filmset. In den 90er-Jahren wird der grausame Jugoslawienkrieg in dieser Region toben – mittendrin eine Gruppe kämpfender junger Rechtsradikaler aus Dortmund, die die Sinnlosigkeit ihrer Ideologie erleben muss. Im Velebit begegnet Cowboy auch seiner grossen Liebe Negesova. Sie ist mit einem ehemaligen Agenten verheiratet, der ihr das Leben rettete. In den 70er-Jahren schreibt der Cowboy als Gastarbeiter in Deutschland Groschenromane, die von Karl-May-Helden-Westernplots handeln. Cowboy bereist später die Balkanroute, die Karl May selbst genommen hat, um seine Orient-Romane zu schreiben und glaubhaft zu machen.

Unterdessen ist Cowboy ein alter Mann, es verschlägt ihn in den Nordirak. Mit seinem rotlackierten jugoslawischen LKW, ausgestattet mit mobilem Kino, zeigt er unterwegs in verlassenen Dörfern des Erbil-Gebirges Winnetou, Buster Keaton und Charlie Chaplin Filme. Er ist auf der Suche nach seiner verschollenen Nichte Tonka, der Soldatin, die Hilfskonvois & Spendengelder für Flüchtende organisiert und mit der er sich überworfen hat, weil er kurz auf der falschen Seite stand.

Ein Roman voller Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie. Viele faszinierende Figuren tauchen auf, sie haben grosse Ideen und Absichten, begehen die schlimmsten Fehler. Enden in Tragödien. Immer wieder.Clemens Meyer ist ein massloses Meisterwerk gelungen. Interessante Erzählform, geprägt von der östlichen und westlichen Tradition. Mit Vor- und Rückblenden. Fragmentarisch. Unterhaltsam und ernsthaft. Lustig komisch. Popkultur und Trash. Eine beeindruckende erzählerische Leistung!

Ein Buch, das sich in keiner Rezension zusammenfassen lässt. Dies ist ein Versuch.

 

Sei du mir das Messer
David Grossman, Israel, 1999 (1998/Israel), übersetzt von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling, 429 Seiten

Jair ist Buchhändler von verschollenen Texten, Mirjam Lehrerin, beide verheiratet. Jair sieht Mirjam nur 5 Minuten lang am Jahrestag des Gymnasiums, sie nimmt ihn nicht wahr. Etwas rührt sich in ihm, dass er ihr, nur ihr, seine Innenwelt offenbaren kann. Die Annäherung von zwei Fremden beginnt. Jair schreibt Mirjam leidenschaftliche Briefe. Geistreich und gekonnt. Lebendig unkonventionell. Aber auch brüchig, ärgerlich obsessiv, obszön. Anziehend und abstossend. Voller Metaphern und Bilder. Es sind Augenblicke des Tages, seine Einfälle, seine direkten Gedanken und Gefühle, seine Wünsche und Träume, seine Ängste. Er berichtet kaum über Alltag und Familienleben. Es geht nicht um Sex, sondern um das Verhältnis von Mann und Frau und ihre unterschiedlichen Erwartungen. Ungeschminkt und offen. Tief und intim. Er entblösst seine Seele und sein Innerstes. Schreibt aus seiner inneren Einsamkeit und Isolation. Er sucht einen Ausweg und das sind seine Briefe, die er in einem täglichen Rhythmus verschickt. Jair erhofft sich keine Antworten von Mirjam. Doch bald schon antwortet sie ihm. Er braucht Mirjam, um sich über sich selbst klar zu werden. Nach und nach zeichnen sich die lebensgeschichtlichen Hintergründe ab, die zu Jairs Beziehungsblockaden geführt haben. Kurz: Eine Archäologie des männlichen Erwachsenwerdens. Ein Aufbegehren. Von der unerfüllten Liebe, weil die erfüllte Liebe keine Geschichte hat. Jair: «In der Fantasie sind wir füreinandergeschaffen.»

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt und atemberaubend konstruiert.  Im ersten Teil über 300 Seiten lesen wir nur die Briefe von Jair an Mirjam. Die Antworten von Mirjam lesen wir nicht. Jairs Briefe geben jedoch Aufschluss über die Inhalte ihrer Briefe. Wir komponieren mit. Im zweiten Teil auf rund 80 Seiten führt Mirjam Tagebuch über den Briefwechsel mit Jair. Der grandiose dritte Teil besteht aus Textfragmenten eines losen Dialogs.

Ein originell angelegter Liebesroman. Erzählweise und Prosa sind hinreissend und interessant.

 

Ich bin der Bruder von XX
Fleur Jaeggi, Schweiz, 2014/2024, übersetzt von Barbara Schaden, 114 Seiten

Die Angst vor dem Himmel
Fleur Jaeggi, Schweiz, 1994/2024, übersetzt von Barbara Schaden, 100 Seiten

20 | 7 Erzählungen. Eine glasklare eigene Sprache. Kühl und leidenschaftlich. Die Geschichten schrammen am Wahnsinn, der Verzweiflung und jagen beklemmende Schauer ein. Gut gehütete Geheimnisse, Lebenslügen, Träume. Alles steht auf dem Spiel. Wirklichkeiten von inneren und äusseren Zwängen. Mut wird gezeigt. Jede Geschichte ist gross. Jede Geschichte empfehle ich 2–3 mal zu lesen, um die Ganzheit der Dichte, Sprache, Atmosphäre einzuatmen. Sätze, hart und kompakt.

Eine Autorin, die es lohnt zu entdecken. Alle Werke sind gut. Auch die Romane «Proleterka» (2001/2024, 112 S.) und «Die seligen Jahre der Züchtigung» (1989/2024, 110 S.). Stil funkelnd eisig.

 

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© Fotos Francisco Paco Carrascosa Zürich | Textzitate © bei den Autor:innen

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